Degrow Design

Design im Wirtschaftssystem

Antonia Ney

  1. Ausgangspunkt: Probleme im Design im Zusammenhang mit dem (aktuellen) Wirtschaftssystem
  2. Degrowth als Antwort
  3. Lösungsansätze im Design
  4. Warum dieser Kurs? Degrow Design
  5. Kontext Bauhaus-Universität Weimar
  6. Warum diese Publikation?

1. Ausgangspunkt: Probleme im Design im Zusammenhang mit dem (aktuellen) Wirtschaftssystem

„Wir gestalten Ihr Wachstum.“ (radikant.com 2020). So wirbt eine Kölner Design Agentur (um Auftraggeber°innen aus Wirtschaft und Industrie) aktuell für ihre Leistungen im Bereich Branding. Dieser Werbe-Spruch illustriert was häufig subtiler, komplexer erscheint - womit Designer°innen in ihrem Arbeits-Alltag allerdings immer wieder deutlich konfrontiert sind: Design und Gestaltung sind untrennbar mit dem Wirtschaftssystem verwoben (Löbach 2001:15ff.).
Tatsächlich entstand Design – je nach Disziplin mehr oder weniger direkt – als Folge wirtschaftlicher Entwicklungen (ebd.)1. Objekte wurden zwar schon in der Steinzeit gestaltet, der Begriff ‚Design‘ entstand allerdings erst 1849 in Schweden (Papanek 1985:30). Durch die Ausweitung der Produktionskapazität gewann das Produkt- bzw. Industriedesign dann an Bedeutung (Löbach 2001:17). Nachdem Märkte bzw. Marktsegmente gesättigt waren, reichte es nicht mehr aus, sich allein durch Verbesserungen der Funktionen bzw. technischen Weiterentwicklungen von der Konkurrenz abzusetzen (Löbach 2001:18f.). Die „Produktästhetisierung“ (Löbach 2001:19), sowie der Einsatz von „Prestige“ (ebd.) bei der Produktentwicklung diente daher v.a. der Produktdifferenzierung - somit dem Durchsetzen gegen die Konkurrenz – nicht der Befriedigung primärer Bedürfnisse (Löbach 2001:17f.).
Zur Marktausweitung entstand – neben der Produktästhetisierung und der Gestaltung von Produkten als Prestige-Objekte – eine neue Konsumkultur durch die zunehmende Inszenierung der Produkte, bspw. das Einsetzen von Vorbildern als Marken-Botschafter°innen (Löbach 2001:21). Werbung, Filme und später Soziale Medien wurden somit ein immer wichtigeres Werkzeug zur (künstlichen) Kreation neuer Bedürfnisse (ebd.). Anders als in der frühen Zeit der Industrialisierung, in der sich die Form noch stärker an der Produktionsweise orientierte, dient Konsum jetzt (auch) der Positionierung im sozialen Raum, also der Abgrenzung bzw. Gruppenzugehörigkeit durch Konsum- und Lebensstil (vgl. Bourdieu 1987). Seitdem haben sich die sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen weiter verschärft (Spiegel, 2020). Berichte über die Klimakrise, begrenzte Ressourcen und die Kosten-Externalisierung2 dominieren den medialen und mittlerweile auch den disziplinären Diskurs (um Produktion) (Schäfer; Neverla 2012 9f.).
Forderungen nach Nachhaltigkeit (einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise) werden spätestens seit der Fridays for Future Bewegung immer lauter und gewinnen gesellschaftliche Akzeptanz (Blumenthal 2019). Ökologische und sozial-ethische Aspekte finden auch ins Design, vor allem der Produkt-Gestaltung und dem Häuserbau, vermehrt Einzug (vgl. Dorst et.al. 2016). Die vorherrschenden Strategien zur Nachhaltigkeit sind dabei meist Effizienz und zunehmend auch Konsistenz (Paech 2012:74 f.). Es wird mit nachwachsenden Rohstoffen (Konsistenz) und einer Energie-sparenden Dämmung (Effizienz) für den Häuserbau geworben. Statt Plastik-Bechern werden Einweg-Becher aus Maisstärke oder anderen recyclebaren Wertstoffen genutzt. Kraftstoff betriebene Fahrzeuge werden durch Elektro-Fahrzeuge ersetzt. Im Design wie auf der individuellen Ebene, ist eine naheliegende Lösung im Angesicht der Klimakrise, die Konsumgewohnheiten bzw. die verbrauchten Ressourcen anzupassen. Die Konsum- und Produktionsstrukturen an sich – das und was immer mehr konsumiert und produziert wird – bleibt im Grunde genommen aber gleich (Paech 2012:114ff.). Die vorherrschende Produktionsweise wird nicht kritisiert bzw. grundlegend hinterfragt/verändert (vgl. Paech 2012).
Bei all diesen ‚Lösungen‘ werden aber weiterhin Ressourcen verbraucht und aufgrund des exponentiellen Wirtschaftswachstum sogar jedes Jahr mehr (vgl. Paech 2012). Diese wachsende Produktion und Konsum von Gütern und Dienstleistungen basiert auf der Externalisierung sozialer und ökologischer Kosten in Raum und Zeit (Lessenich 2016:24f./Brand/Wissen 2017:53ff.). Diese Ressourcen-intensive Lebensweise breitet sich – nicht zuletzt Design-gestützt – zudem weiter aus, zunächst im globalen Norden und zunehmend auch im Globalen Süden (Brand/Wissen 2017:44f.).
Soll das Leben von Menschen zukünftiger Generationen und überall auf der Erde gesichert werden, muss aber weniger verbraucht werden (Brand/Wissen 2017:53ff.). Häufig vorgeschlagene Maßnahmen, wie etwa der Ausbau von erneuerbaren Energien, stellen das Wachstumsparadigma nicht in Frage, sondern fordern „grünes Wachstum“ (vgl. Paech 2012:71ff.).
Ist von „grünem Wachstum“ die Sprache, wird davon ausgegangen, dass sich Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen bzw. Kosten stofflich entkoppeln lassen (Paech 2012:72).
Durch Effizienz, also die Steigerung der Ressourcenproduktivität, lassen sich Ressourcen sparen oder „ökologische Konsistenz“ (Paech 2012:73), die Substitution einer Ressource bspw. durch nachwachsende Rohstoffe oder Produktionsweise bzw. die Produktion in geschlossenen Stoffkreisläufen. Abgesehen vom erneuten Rohstoffverbrauch bei neuer Produktion, erzeugt das Einsparen von Ressourcen und ‚ethischer‘ Konsum finanzielle und psychologische Reboundeffekte (Paech 2012:87). Monetäre Kosteneinsparungen können zu neuen Investitionen oder Konsum führen (ebd.).

2. Degrowth als Antwort

Aus einer Wachstums-kritischen Perspektive kann demnach nur durch eine Rücknahme bzw. weniger Konsum und Produktion nachhaltig gewirtschaftet und somit ein gutes Leben für alle gewährleistet werden (Schmelzer 2014). In dem Bericht „Limits to growth“ des Club of Rome wurde Degrowth oder Postwachstum 1972 zum ersten Mal öffentlich thematisiert (Meadows et.al. 1972). 30 Jahre später gewann die Bewegung im Zuge eines Magazins und einer Institutsgründung zum Thema in Lyon an Zuwachs und Aufmerksamkeit (d‘Alisa et.al. 2014). In der Postwachstumsbewegung fanden sich Umweltschützer°innen und Entwicklungskritiker°innen zusammen (ebd.). hre Grundannahme ist, dass exponentielles Wirtschaftswachstum sich nicht mit endlichen Ressourcen vereinbaren lässt (I.L.A Kollektiv 2017:9). Die internationale Degrowth-Konferenz mit 3.000 Besucher°innen brachte , nach dem voran gegangenen Kongress von Attac, die Thematik 2014 spätestens in die öffentliche Debatte in Deutschland (degrowth.info). Wachstumskritik wurde seit den frühen 1970er Jahren allerdings auch schon in anderen Kontexten geübt (Muraca 2018). Die Forderungen der Bewegungen beinhalten über Wachstumsrücknahme hinaus auch „Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation“ (degrowth.info.de). Zudem wird das BIP als Wohlstandsindikator hinterfragt, da auch Naturkatastrophen oder Kriege zu einem Wirtschafts-, nicht aber zu einem Wohlstandswachstum führen (Lessenich 2016:10ff.). Zugrunde liegt die Annahme, dass das Wohlergehen aller und der Erhalt unserer ökologischen Lebensgrundlage auf einer bedürfnis-, nicht profitorientierten Wirtschafts- und Lebensweise basiert. Eine nachhaltige Sicherung bzw. (Re-)Konstitution einer lebenswerten Umwelt ist demnach nicht allein durch technischen Fortschritt zu erreichen, sondern benötigt einen Kulturwandel (Paech 2012:114ff.).

3. Lösungsansätze im Design

Die zentrale Frage der sozial-ökologischen Transformation ist, ob sie „by design“ oder „by disaster“ (Welzer/Sommer 2014:27) stattfinden wird. Diese Frage wird dabei im Diskurs rhetorisch mit „by design“ beantwortet. Welche Rolle aber spielt „Design“ bzw. Gestaltung in der sozial-ökologischen Transformation und zukünftigen Postwachstumsgesellschaften? Immer wieder wird dabei zwischen Strategien eines Wachstums-kritischen Designs entschieden: Systemimmanent agieren, aber konkrete Alternativen aufzeigen und Narrative schaffen, oder sich diesem weitestgehend entziehen. Eine Art der Auseinandersetzung mit einer möglichst System verneinenden oder anprangernden Praktik können z.B. Design for Debate, Design fiction (vgl. Coles 2016) Design-Thinking und Speculative Design3 (vgl. Dunne/Raby 2013) sein. Statt konkreter Gestaltung fungiert Design hier als Kommunikations-Tool bspw. von Zukunftsszenarien, Denk- und Herangehensweisen oder zur Anregung der Kreativität verschiedenster Akteur°innen (vgl. Heidingsfelder et.al. 2017). Eine weitere häufig gewählte Alternative ist die Legitimation eines Produkts durch einen partizipativen Prozess, wie Van Bo Le Mentzel u.a. mit seinen „Hartz IV Möbeln“ (van Le Mentzel;Bauer 2012) bzw. das Erheben eines partizipativen (Gestaltungs-)Prozesses zum Design (Dorst et.al. 2016).
Realistische Alternativen zur zeitgenössischen gestalterischen Praxis bieten diese Strömungen allerdings nicht.
Die Frage nach dem „Was können wir jetzt tun?“4 stößt schnell an Grenzen, spätestens wenn es zur Produktion und/oder wirtschaftlichen Tragbarkeit kommt. Fragen wir uns „Wie könnte es idealerweise sein?“ wird es schnell unbefriedigend oder frustrierend da diese Visionen unerreichbar scheinen. An guten Beispielen fehlt es in vielen gestalterischen Disziplinen, wie Architektur, Kommunikations- und Produktdesign, Mediengestaltung häufig. Am Ende wird immer produziert, verkauft, Ressourcen verbraucht.
Wird sich auf einen klassischen Design-Begriff bezogen, wird eine kritische Auseinandersetzung schwieriger. Das Einbetten alternativer Produktideen, bspw. von Gemeinschaftsgütern, modularen Systemen oder ökologisch abbaubaren Materialien in reale Produktionsverhältnisse, mündet meist in der Unterstützung eines grünen Kapitalismus (s. Paech 2012). Das Gestalten von Konsumgütern kann nie vollständig außerhalb des Wirtschaftssystems passieren indem produziert wird. Reale Utopien wie die „solidarische Produktionsweise“ (vgl. I.L.A. Kollektiv 2019) oder „Commons“ (vgl. Helferich 2018) sind essenziell - für Designer°innen allein aber nur schwer umsetzbar. Daraus ergibt sich Bernd Löbachs Forderung als Lösung zur Realisierung „gesellschaftlicher Verantwortung“ von Designer°innen (Löbach 2001:26) die stärkere Einbindung von Designer°innen in den Produktionsprozess, nur so kann laut Lörbach die fachliche Expertise/Die kritische Haltung zum Einsatz kommen (ebd.)
Wird von einem ganzheitlicheren Design-Begriff ausgegangen, wie ihn Victor Papanek verwendet, kann Design auch als Lösungs-Tool im Kontext komplexer werdender Probleme werden (Papanek 1985:151). Design ist nicht grundsätzlich schlecht, die Zwänge der Wirtschafts- und Lebensweise machen Design, Produktion und Konsum jenseits von Profitmaximierung und Kapitalakkumulation allerdings unmöglich. Gestaltung5 hat das große Potenzial sehr konkret und angewandt zu arbeiten. An radikalen Alternativen zu einem extraktiven und destruktiven Lebensstil fehlt es nach wie vor. Hier braucht es immer wieder das Wechselspiel von konkreten Beispielen und kritischer Auseinandersetzung aus der Vogelperspektive. Sprechen wir von einer sozial-ökologischen Transformation ist es wichtig den Design-Begriff weiter zu fassen. Aktive Mitgestaltung der eigenen Umwelt sollte jedem Menschen in einer Gesellschaft möglich sein.
Open Source Programme und Wissensplattformen (wie Wikipedia, Arduino und Linux, aber auch Opensource Alternativen zu bspw. Adobe Photoshop) weisen den Weg. Auch Solidarische Landwirtschaften und Genoss°innenschaften zeigen dass ein ‚anders‘ möglich ist. Real existierende Produkte wie das „Fairphone“ werfen aber zunächst erneut Zweifel und Fragen auf: Wie nachhaltig (haltbar) ist ein Produkt, das aufgrund von fehlender Nachfrage keine Ersatzteile (für einzelne Produkt-Generationen) bieten kann? Wie kann ein Produkt zur sozial-ökologischen Transformation beitragen, das sich nicht alle leisten können? Wie kann der Konsum eines Produkts, das zu weiterem Konsum (bspw. von Strom, Apps, etc.) anregt überhaupt dzau beitragen/zukunftsweisend sein? Wie können Rebound-Effekte* vermieden werden?

5. Warum dieser Kurs? Degrow Design

Das praktische Umsetzen eigener Projekte konfrontiert Designer°innen und Künstler°innen immer wieder mit Problemen und ihrem eigenen, begrenzten Handlungsrahmen zur Lösung. Spätestens wenn ein Produkt - sei es ein Foto, eine App oder ein Rührgerät - produziert und somit mehr Menschen zugänglich gemacht werden soll, muss sich mit Materialien und deren Herstellung (z.B. Alu-Dibond von Thyssen-Krupp), Produktionsbedingungen, Löhnen, Energieverbrauch, Rohstoffen und vielem mehr auseinandergesetzt werden. An dieser Stelle setzte das interdisziplinäre Lehr- und Lernprojekt „Degrow Design“ an der Bauhaus-Universität Weimar an. Im Rahmen der Bauhaus.Module, einem Lehr- und Lernformat das aus dem Experimental-Semester zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum hervorging, haben Studierende die Möglichkeit selbstständig Lehrveranstaltungen – Seminare, Workshops, Vorlesungen, Projekte – zu initiieren und durchzuführen. Im Sinne der Interdisziplinären Zusammenarbeit auf Augenhöhe setzten sich 25 Studierende mit Fragen zur Rolle des Designs in der heutigen und einer Postwachstums-Gesellschaft der Zukunft beschäftigt haben. Vom Pilz-Leder bis zur Langlebigkeit und Upcycling wurden bestehende Beispiele der gestalterischen Praxis ebenso wie mögliche Produktionsweisen und konkrete Handlungsmöglichkeiten des Designs in den Postwachstumsdiskurs eingebettet und weitergedacht.
Die Frage nach der Möglichkeit einer Best-Practice bzw. Lösungsansätzen im jetzigen Wirtschaftssystem sind der rote Faden der Auseinandersetzung.Was ist ein suffizienter Schuh? - Gar kein Schuh, sehr robust oder second-hand?
Zusammen mit externen und internen Gästen aus Wissenschaft, freien Forschungsinstituten und Praxis wurde sich in drei Teilen möglichen Perspektiven für ein Postwachstums-Design angenähert. Zuerst wurden Ursprung und Grundbegriffe der Degrowth-Bewegung geklärt, im zweiten Teil mit Geschichte und aktuellen Herausforderungen des Designs verknüpft und im dritten Alternativen aus Theorie und Praxis kritisch betrachtet. Im Fokus standen dabei die Fragen nach der möglichen Rolle von Design in einer Postwachstumsgesellschaft und gleichzeitig, wie Design im hier und jetzt agieren kann.

6. „Degrow Design“ im Kontext der Bauhaus-Universität Weimar

Bereits am staatlichen Bauhaus – in dessen Räumen sich die heutige Bauhaus-Universität Weimar befindet – nahm die kritische Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Gegenwarts- und Zukunftsgesellschaft sowie den aktuellen Produktionsverhältnissen, Einfluss auf die gestalterische Lehre.
Zu Zeiten des Staatlichen Bauhaus war Design allerdings Design „[…] a vital part of the production process“ (Papanek 1985:30). Der hier zugrunde liegende Design bzw. Gestaltungsbegriff grenzt sich vom rein objektgebundenen Design-Verständnis allerdings bewusst ab. Victor Papanek schrieb 1984 , dass Design nicht nur ‚Dinge schön zu machen‘ meint, sondern – auch im Alltagshandeln - die eigene Umwelt, Vorgänge, Aktionen zu ‚gestalten‘ (Papanek 1985:4f.). Design muss nach diesem Verständnis gesamtheitlicher aufgenommen werden//als gesamtheitliche Problemlösung/Problemanalyse begriffen werden, das auch in immateriellen Produkten, bspw. Workshops, Konzepten oder Kommunikationstools, resultieren kann (vgl. Dorst et.al.). Im Bezug auf das (Erbe des) staatlichen Bauhauses fassen savvy-contemporary Gestalter°innen als „designers, thinkers, makers“ (savvy-contemprorary.com) zusammen. Es brauch einen Systemwwandel, aber auch konkrete Beispiele und Praktiken einer Postwachstumsgesellschaft. Bei beidem kann und muss gestaltet werden (vgl. Dorst et.al. 2016) – ob Designer°in oder nicht – gestaltend sind wir alle (Papanek 1985:3). Oder mit Florian Pfeffer zu sagen: „Diese Revolution braucht weniger Symbole und mehr Substanz, weniger Produkte und mehr Werkzeuge, weniger Hardware und mehr Software.“ (Pfeffer 2014:22).
Jahre später übersetzte der Gründungsdekan der Fakultät Kunst und Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar diese gesellschaftspolitischen Themen zeitgenössisch in die Disziplinen (Höger et.al. 2012). Die Frage: Ob und was es eigentlich braucht um ein Problem zu lösen, stand dabei im Vordergrund. Lucius Burkhardt plädierte für den „kleinstmöglichen Eingriff“ (Burkhardt et.al. 2013) und verwischte damit disziplinäre Grenzen. 101 Jahr nach der Gründung scheint die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Disziplinen – Architektur, Produkt- und Kommunikationsdesign und Mediengestaltung – im zeitgenössischen Geschehen genauso wichtig wie vor 100 Jahren.

7. Warum diese Publikation?

Die Beschäftigung mit der Rolle des Designs in der sozial-ökologischen Transformation bzw. in Postwachstumsgesellschaften ist keineswegs neu und in den letzten Jahren hat der Diskurs/die Reichweite des Diskurses weiter zugenommen. Auch bestehende Praxis-Beispiele, wie Upcycling und Open Source, finden vermehrt Einzug in den wissenschaftlichen, (inter)disziplinären Diskurs. In ihrem Buch „Transformationsdesign“ (:2014) legen Bernd Sommer und Harald Welzer bspw. sowohl die Notwendigkeit einer auf Postwachstum und Suffizienz basierenden Transformation dar, als auch die wichtigsten Strategien in Gestaltung und Produktion (vgl. Sommer/Welzer 2014). Arturo Escobar reflektiert darüber hinaus in seinem Werk „Designs for the Pluriverse“ (:2017) die „neue soziale Rolle und Funktionsweisen/Arbeitsweisen für Design.“ (Escobar 2017:3) vor dem Hintergrund ihres Ursprungs in der kapitalistischen Moderne (ebd.). Bereits Anfang der 1970er Jahre hinterfragt Bernd Löbach die Rolle bzw. Funktion von (Industrie-)Design in der zeitgenössischen Marktwirtschaft (Löbach 2001:17ff.) und die begrenzten Möglichkeiten von ökologisch orientiertem Design (Löbach 2001:132ff.). 1985 schuf Victor Papanek mit seinem viel zitierten Werk „Design for the Real World“ einen wichtigen Beitrag zum Diskurs zur Verantwortung des Designs in ökologischen und sozialen Kontexten seiner ökologischen und sozialen Umwelt (vgl. Papanek 1985). Damit seien nur einige (prominente) Beispiele von vielen das Thema umkreisenden Publikationen genannt.
Warum also noch eine Publikation zur Rolle des Designs?
Abgesehen vom demokratischen Entstehungsprozess und einer Vielzahl diverser, disziplinärer Perspektiven – verbindet die vorliegende Publikation Praxis und Theorie. Wie jedes Produkt, stellt diese Publikation einen konkreten Vorschlag dar und beinhaltet zugleich (Manifest-ähnlich) Best-Practice Kriterien des Teams (verkörpert zugleich die Anforderungen des Teams an gutes Design): Modularität, Reuse und Upcycling, Langlebigkeit, Einfachheit und Zugänglichkeit. Sie bietet, genauso wie der Kurs, diverse Perspektiven auf eine mögliche Zukunft des Designs die zum kritischen reflektieren und weiterdenken inspirieren.

Literaturverzeichnis

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