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Hallo Erde

Paula Klarck

Hallo Erde,

Du schöne, besonnen und sich ruhig im Kosmos drehende, blau-grüne Kugel. Ein Planet unter vielen und doch der Einzige, der so vielen Lebewesen ein Zuhause gibt und das schon seit Million­en Jahren. Es tut mir leid. Es tut mir leid, wie wir Dich behandeln. So als ob es eine unbegrenzte An­­zahl an Erden wie Dich geben würde, als wärst Du austauschbar, ersetzbar, als wärst Du nicht einzigartig in Deiner Vielfalt, Du mit Deinen Schätzen.
Leider sind genau diese Schätze auch Dein Problem. Denn wir, die Menschheit, gieren nach ihnen. Wir bohren und graben in Deiner Oberfläche, immer tiefer und tiefer, um noch mehr von Dir zu nehmen, obwohl wir schon so viel genommen haben. Wir nehmen und geben doch nichts zurück. Schlimmer noch – anstatt nichts zu geben, machen wir Dich krank. Wir vergiften Dich zusehends. Wir blasen Schadstoffe und Gifte in Deine Atmosphäre, in eine Luft, die auch wir atmen, in Deine Gewässer, aus denen wir trinken und die uns nähren. Wir haben längst vergessen, was es heißt, ein Teil der Natur zu sein, längst vergessen, dass Dich zerstören auch automatisch bedeutet, uns zu zerstören.
Weil uns alles nicht schnell genug und ausreichend ist, musst Du ­leiden. Und wir haben Spaß dabei. Zumindest die allermeisten von uns, diejenigen, denen es nicht wehtut, wenn im Wald Plastiktüten in den Bäumen hängen, die Wiesen voll sind mit weggeworfenen Zigaretten­kippen, im Super­markt jede ein­zelne Biogurke (die in einem Meer aus »Plastikplanengewächshäusern« in Spanien wachsen) extra in Plastik gehüllt ist, wenn die Rückbänke der vielen Autos leer sind im mor­gendlichen Rushhour-Stau. Wir genießen lieber den Luxus von frischen Erdbeeren in Winter, das eigene Auto vor der Haustür. Unsere Smartphones, Laptops und Tablets sind uns wichtiger als Deine Gesundheit und solange wir den Müll an den Stränden auf den Fotos unseres letzten Instagram­-Posts geschickt aussparen können, stört er uns auch nicht. Wir essen Äpfel, vollgepumpt mit Pestiziden, welche unsere Bienen töten, wir ziehen Kleidung aus Plastik an, die nach dreimal tragen ersetzt wird, deren Farbstoffe in anderen Ländern ungefiltert in Flüsse geleitet werden, nur damit wir uns hierzulande über zehn neue drei Euro T-Shirts freuen können. Wir wollen konsumieren, was wir wollen, so viel wir wollen und am besten immer noch das Neueste von allem besitzen. Wir wollen Mangos und Avocados zum Frühstück für unter zwei Euro und das zu jeder Jahreszeit, obwohl dafür in anderen Ländern Wassermangel herrscht und wir eigent­lich wissen sollten, wie lange es dauert, bis eine Frucht gewachsen ist und wieviel CO²-Ausstoß ver­ursacht wurde, bis sie auf unserem Frühstücksteller liegt.
Sobald wir genügend von allem gehortet haben, schmeißen wir die Dinge weg. Tonnen von Brot und Früchten aus anderen Ländern, drei­mal sicher verpackt in Plastik, landen nach ein paar Tagen im Supermarkt wieder im Müll. Den Müll verbrennen, vergraben wir oder er landet in den Meeren oder Wüsten, in denen sich inzwischen kilometerlange »Plastikmüllteppiche« fortbewegen. Wir wollen nicht zurückstecken, uns nicht eingrenzen und nicht aufhören, an unbeschränktes Wachstum zu glauben. Wir wollen, dass alles für immer unbegrenzt da sein wird und aus­schließlich uns zur Verfügung steht. Und wenn einmal ein Rohstoff zu Ende geht – ach, das dauert ja noch ewig. Solange wir heute ohne schlechtes Ge­wissen das Licht so oft und lange an­geschaltet lassen können, wir unsere Wohnungen im Winter ­auf 20 Grad und mehr erhitzen können, solange hinterfragen wir das System nicht. Stattdessen lehnen wir uns zurück und nutzen weiterhin Energie aus fossilen Brennstoffen, trotz dass wir über die Schadhaftigkeit für unseren ­Plan­eten und das begrenzte Vor­handensein Bescheid wissen.
Obwohl uns schon seit Jahrzehnten Warnungen von Wissenschaftler­Innen erreichen, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt lauter und verzwei­felter werden, schaffen wir es nicht, uns ehrlich zu fragen, wie dieser Zustand noch lange anhalten kann. Wir hinterfragen nicht die­je­nigen, denen wir die Macht gegeben haben, wichtige Entscheidungen über Dein Wohlergehen zu treffen und wählen weiterhin die Personen, von denen wir hoffen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und es dann nicht tun werden. Wir glauben an die falsch­en Systeme und an das, was uns beruhigend ins Ohr geflüstert wird. Wir wollen genießen und jung sein und uns nicht so viel Sorgen machen um das, was in 50 Jahren sein wird. Denn wir wissen ganz genau, wenn wir dies tun würden, dann müssten wir aufhören so zu konsumieren wie wir es derzeit tun. Wir müssen endlich einsehen, dass alle den eigenen Konsum minimieren müssen und es einer sofortigen Kehrtwen­dung bedarf. Es reicht nämlich leider nicht mit ein bisschen Fahr­radfahren, Discounter-Bio und Müll­trennung das Weltklima zu retten und schon gar nicht, wenn wir dazu dreimal im Jahr für jeweils eine Woche den Billigflieger in den Urlaub nehmen. Durch unser Verhalten Dir gegen­über haben wir erreicht, dass die ersten Eisbären in Freiheit verhungern, insgesamt das Artensterben um ein Vielfaches beschleunigt wurde. Aber was gehen uns schon Eisbären an – die sind weit weg und bei Bedarf gibt es ja noch welche im Zoo. Genau wie alle anderen Tierarten, die wir nun mehr oder weniger direkt ausgerottet haben – macht ja nichts – zur Not haben wir gute 3D-Animationen, um sie uns noch einmal anschauen zu können. Mit den Dinosauriern geht das ja auch.
Unsere Selbstsucht geht so weit, dass sogar der Vorschlag, wenigstens nur teilweise auf ein Nahr­ungsmittel wie rotes Fleisch zu ver­zichten, undenkbar wird. Und das, obwohl jeder weiß, dass Fleisch vorwiegend in Mastanlagen »produziert« wird. Wir nehmen in Kauf, dass diese Produktion maß­gebend an dem zu hohen CO²-Ausstoßbeteiligt ist, antibiotika­resistente Keime direkt in Dein Grundwasser geleitet und tausende Quadratkilometer Regenwald abgeholzt werden, um Sojabohnen und Futtermais zu pflanzen. Nur weil wir nicht ab und an auf das Steak in unseren Mensen verzichten können und immer mehr Menschen Fleisch essen wollen. Wir wollen frisch gefangenen Lachs, am besten noch günstig im Angebot und mit Biosiegel, ohne Rücksicht darauf, dass die Meere quasi leer sind und frischer Fisch immer öfter aus Aquakulturen stammt. Ja, wo soll er denn sonst herkommen? Wer noch an fangfrischen Fisch oder glücklich grasende Kühe glaubt, der sollte sich einmal fragen, wo es noch so viele grüne Wiesen für grasende Kühe geben soll? Von sauberen Meeren, ohne Müll, mit unbegrenzten Fischschwärmen ganz zu schweigen. Dass andere Staaten in ein paar Jahren im Meer versinken könnten – Ja, schade, dann wird der Urlaub eben umgebucht. Das mit dem abge­holzten Regenwald, sorry, aber irgendwie ist der dann halt doch ganz schön weit weg. Und das mit den 2 Grad Celsius mehr? Ist doch schön, wenn es hier mal im Winter ein bisschen wärmer wird und wir jedes Jahr einen weit­eren Rekordsommer verbuchen können. Vielleicht wachsen dann endlich die Mangos auch hier.
Von dem sich selbstverstärkendem Klimawandel haben die meisten noch nie etwas gehört, wie auch, wenn wir das mit der Globalen Erwärmung noch nicht einmal so richtig verstanden haben. Daran zu denken, dass wir voraussichtlich Millionen von Euro in die Besei­tigung von Klimaschäden und Prä­vention investieren müssen, ist dann, natürlich, zu viel verlangt. Wir empfinden die stattfindenden Fluchtbewegungen als besorgniserregend? Na, was denken wir, was passiert, wenn in den wärmeren Ländern Europas auch das Wasser knapp wird? Oder ganze Ernten Stürmen, Dürren und Hitze zum Opfer fallen und sich tausende von Menschen an andere Orte dieser Erde bewegen müssen, nämlich in Richtung des Globalen Nordens, da es unmöglich wird in ihren Heimatorten zu überleben? Vielleicht auch, weil in ihrer Heimat Krieg um Wasser herrscht? Vielleicht brauchen wir auch erst einmal ein bisschen Action, ein paar mehr Katastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder noch ein paar Fluchtbe­wegungen, damit wir verstehen, dass wir die Grenze dessen, was Du alles ertragen kannst, überschritten haben. Aber was haben wir aus dem Bis­herigen ge­lernt? Nicht mehr, als dass es nur die anderen hart trifft, die wir dann in den Nachrichten sehen können und an die wir Geldsummen spenden, um wieder gut­zumachen, was wir mitverursacht haben. Anstatt etwas zu ändern, investieren wir lieber Millionen Geldsummen in »sichere« Grenzen, um diejenigen abzuwehren, die eigentlich nur dasselbe wollen wie wir hier und auf deren Kosten wir bis jetzt unseren Lebensstandard halten.
Was würde denn passieren, wenn wir eine 180-Grad Wende machen und das nicht in den nächsten Jahrzehnten, sondern gleich morgen damit beginnen? Was hätten wir zu verlieren, wenn wir weniger besitzen, mehr teilen, weniger fancy essen, mehr Rücksicht nehmen und weniger Geld auf die Bank bringen würden? Was würde uns denn geschehen – außer unnötigen Besitz zu verlieren, sinnlos Geld auszugeben, gesünder zu essen und Zeit zu gewinnen?
Ich bin mir sicher, Du bist entsetzt angesichts unserer Rücksichts­losigkeit und Dummheit. Denn in hellen Momenten – oder soll ich besser sagen Dunklen – wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, dann weiß ich und alle an­deren auch, dass sich etwas verän­dert hat und zwar nicht zum Guten. Die Bilder von Deiner zerstörten Landschaft, Meere voller Müll, von Verschmut­zung und Ausbeutung mehren sich zusehends und können nicht läng­er geleugnet werden. Und das Gefühl, dass wir etwas ausgelöst haben, was wir nun nicht mehr auf­halten können, weil wir zulange nicht nach vorne schauen wollten, das lässt sich immer schwerer ab­wehren. Wir Menschen sind fähig zu denken und doch dafür bekannt, dass wir es weniger tun, wenn wir es nicht wollen. Bei All­em, was wir mit Dir machen, verleugnen wir, überhaupt denken zu können. Wir Menschen haben es fast geschafft, Deine Kreisläufe so zu beeinflus­sen und zu zerstören, dass wir Dir schon unwiderruflich geschadet haben. Es tut mir leid, aber wir Menschen wollen anscheinend nicht begreifen, dass wir auf Dich angewiesen sind.