Degrow Design

Degrowth und Design – Diskursraum oder schon Protest? Methoden, Positionen und Protestbewegungen aus Design und Kunst

Paula Klarck

In den vergangenen Jahrzehnten war die Rolle der Gestalter°innen maßgeblich kapitalistisch geprägt: Wie Victor Papanek im Ersten Satz des Vorwortes seines bekannten Werks: Design For The Real World 1985 feststellt: „There are professions more harmful than industrial design, but only a few of them. And possibly only one profession is a phonier. Advertising design, in persuading people to buy things they don’t need, with money they don’t have, in order to impress others who don’t care, is probably the phoniest field in existence today.“ (Victor Papanek 2019:4) Im Zuge der Industrialisierung und voranschreitenden Globalisierung haben Produktdesigner°innen Gegenstände entworfen, die massenweise produziert wurden, Kommunikationsdesigner°innen haben Werbungen gestaltet, ohne die niemand diese Dinge gekauft hätte. Dabei wurden Themen wie Umweltschutz, Klimawandel, globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit außer acht gelassen. „Vor allem die scheinbar untrennbare Verstrickung von Design und Konsum/Konsumismus beschäftigt mich sehr, da sie ziemlich schonungslos offenlegt, wie direkt Design zu Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und -zerstörung sowie sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung beitragen kann.“ (Dinkhoff, Jonas 2019:6)
Heutzutage wird allgegenwärtig das Klima, genauer der Klimawandel in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Konsum thematisiert. Hinzukommend sind immer mehr Menschen des Globalen Südens in Bewegung, nehmen teil gefährliche Routen in den Globalen Norden auf sich – nicht nur um vor Kriegen, Unterdrückung, Gewalt, Machtmissbrauchs, Diktatorenschaft und Terror zu entfliehen, sondern auch um den Folgen dessen zu entkommen, was die Konsumwirtschaft des Globalen Nordens in ihren Herkunftsländern verursacht hat. Aufgrund dessen stellen sich heute auch Gestalter°innen die Frage nach neuen, intelligenteren und nachhaltigeren Produktionswegen in Wachstum und Konsum. „Haben wir uns früher damit beschäftigt, Wohlstand für alle zu erzeugen, stehen wir heute vor der Frage, wohin mit all den Kollateralschäden.“ (Pfeffer, Florian 2014 : 22). In den letzten Jahren haben sich aus diesen Fragen Designdisziplinen entwickelt (bspw. Design Thinking, Sustainable Design), die im Sinne der Postwachstum-Idee, Nachhaltigkeits-Gedanke und Degrowth eingebettet werden können.
Degrowth [1] und Design [2]: Zwei Begriffe, die nach den gängigen Definitionen und Auffassung der letzten Jahrzehnte sich weder bedingen noch zusammen gehören. Können sie daher einvernehmlich funktionieren? Betrachtet man verschiedene Entwurfsprozesse und Produkte die „nachhaltig“ und „fair“ entworfen worden sind, halten sie oftmals einer Prüfung unter den Merkmalen der Nachhaltigkeit, Degrowth, Postwachstum und Globaler Gerechtigkeit nicht stand. Viele der Lösungen, die auf den ersten Blick als neue Ansätze gelten, stellen sich später als nicht „bessere“ Korrekturen oder sogar als „Greenwashing [3]“ heraus. Mit einer solchen Gestaltung knüpfen Gestalter°innen an das traditionelle Design an und schreiben bestehende Prozesse des Konsums fort. „But obviously those kinds of ideas, sustainable development or green growth are really politically attractive because it means that we don’t have to deal with the central problem.“ (Smith, Maria, 2019) Diese Lösungen verschleiern, dass Probleme nicht grundsätzlich gelöst werden – es stellt sogar in Frage, ob sie gelöst werden können, wenn Gestalter°innen in einem Wirtschaftssystem gestalten, das alleinig auf Wachstum beruht.
Eine Möglichkeit als Gestalter°in den Methoden des traditionellen Designs zu entfliehen wäre, sich der Degrowth Bewegung anzuschließen. Dafür gibt es zwei Wege: Der eine wäre, die Bemühung unser Wirtschaftssystem zu verbessern und Konsument°innen zum Umdenken zu bewegen, einhergehend mit der Frage: Sollen wir uns darauf konzentrieren, in einem „System“ zu gestalten, das nicht nachhaltig ist? Oder eine Protestbewegung gegen das System auszulösen, um ein generelles Umdenken des Systems herbeizuführen, mit dem Hintergrund das System (um)zustürzen – um erst die Vorraussetzungen zu schaffen, dass „Degrowth“ umsetzbar wäre.
Für beide Wege gibt es Beispiele, Methoden und Positionen, die Gestalter°innen und Künstler°innen aufzeigen, anwenden und beziehen können. Ein Beispiel für eine Revolution im System, welches zeigt, dass der Degrowth-Gedanke im Produktdesign funktioniert, ist das Fairphone des niederländischen Designer Bas van Abel. Das Fairphone ist ein Gegenentwurf zur Herstellung herkömmlicher Smartphones mit allen einhergehenden Folgen und Nebenwirkungen der Produktion (Bürgerkriege, Kämpfe um die Schürfrechte für seltene Erden, Ausbeutung etc.). Das Fairphone ist so konstruiert, dass die Einzelteile nachbestell- und austauschbar sind, es kann also repariert werden, die Produktionswege sind für die Verbraucher°innen transparent und unterstützen keine ausbeuterische bzw. konfliktbelastete Materialgewinnung. Ein weiteres Beispiel für Degrowth und im Sinne der Commons-Bewegung [4] ist das Global Village Construction Set, eine Kollektion von frei im Internet verfügbaren Bauplänen von 50 Maschinen, die sich zu einem Bruchteil der üblichen Kosten im Eigenbau herstellen lassen. „Set“ funktioniert nach der SLOC Methode (Small–Local–Open–Connected SLOC nach Ezio Manzini) und ist ein „Modell der nachhaltigen Gestaltung in einer vernetzten, dezentralisierten Welt als Bauplan für eine zweite, moderne und ökologische Globalisierung zu verstehen.“ (vgl. Florian Pfeffer 2014:027;028). Aber ist es ausreichend, wenn wir als Gestalter°innen unsere Produktionswege, Geschäftsmodelle und Entwürfe nachhaltig im Sinne der Degrowth-Bewegung umstellen und anpassen oder braucht es mehr? Braucht es Protest, eine Anti-Bewegung, einen Widerstand gegen das System, damit sich das System ändert?
Ein sehr bekanntes Beispiel aus dem Feld der Kommunikationsguerilla, welches sich der Methode der „Identity Correction“ bedient, fand am 3. Dezember 2004, dem 20. Jahrestag des Chemieunfalls in Bhopal statt. Dort trat Andy Bichelbaul von der Gruppe "The Yes Men" in der Nachrichtensendung „BBC World“ auf. Er hatte mithilfe einer gefälschten Visitenkarte die Identität eines Sprechers von Dow Chemical, dem zweitgrößten Chemieunternehmen der Welt, angenommen. Dow Chemical ist der Eigentümer von Union Carbide, dem Verantwortlichen für das Bhopal-Unglück 1984, bei dem Tausende ihr Leben verloren und die Überlebenden und Neugeborene in der Region oft schwere Folgeschäden davontrugen. An diesem Jahrestag meldete die BBC, dass sich das Unternehmen Dow Chemical, zu seiner Pflicht bekennen wolle und zwölf Milliarden US-Dollar an die Familien der mehr als 3.000 Toten und 120.000 Verletzten von Bhopal auszahlen werde: Kurz darauf dementierte die BBC ihre Meldung – und der im BBC-Live-Interview zu Wort kommende „Jude Finisterra“ stellte sich als "The Yes Man" heraus. In der Zwischenzeit war jedoch der Wert von Dow Chemical an der Börse um circa zwei Milliarden Dollar gesunken (The Yes Men 2004 : zuletzt 12.02.2020). Bis heute verfolgen The Yes Men verschiedene Projekte und bedienen sich dabei der Methoden der Kommunikationsguerilla. Diese Methoden zielen nicht nur darauf ab, andere darauf hinzuweisen, was sie tun könnten, sondern es geht den Akteur°innen darum aktiv, im Hier und Jetzt, selbst einzugreifen, um Dinge zu verändern. “Es geht nicht darum, neue Sichtweisen auf die Welt zu zeigen, sondern darum, sie zu verändern“ (John, Jordan, 2017:46). Gestalter°innen könnten soziale Bewegungen wie bspw. Degrowth als Gestaltungsform benutzen. Diese Form könnte unsere kollektive Vorstellungswelt verändern und neu erfinden.
Welcher Methode sie sich bedienen oder welche Position sie einnehmen wollen: Gestalter°innen müssen weiterdenken. Sie müssen die Strategie wie sie arbeiten wollen, ihre Position in der Gesellschaft und in der Umwelt überdenken. Der Designer Jonas Dinkhoff, schlägt dazu folgende drei Rollen vor, die Designer°innen einnehmen sollten (Dinkhoff, Jonas 2019:106–107): Zuerst als Produktmentor°in: Ein Hinterfragen der eigenen Produktionswege, benutzter Software, Materialien und verwendeter Stoffe nach eigen entwickelten Kriterien (auch im Sinne von Degrowth) als Zurückgewinnung der Kontrolle über unsere eigenen Produkte. Das könnten auch Fragen sein wie: „welcher Kleber wird für die Bindung eines Buches benutzt? Wie wird er hergestellt? Gibt es Alternativen? usw.“. Als Konsummoderator°in sich über die eigenen Kaufentscheidungen und deren kapitalistischen Bedeutung bewusst werden. Als Gesellschaftsvisionär°in: „Design ist immer politisch“ (Dinkhoff, Jonas 2019:107). Gestalter°innen haben zu viel Einfluss, um sich keine Gedanken über den Einfluss unseres Tuns und die Auswirkungen auf die Zukunft zu machen. Obwohl es nicht offensichtlich ist, ist unser Berufsfeld sozial, denn wir versuchen (gestalterische) Probleme zu lösen. Dazu gehört auch im weiten Sinne ein Hinterfragen von Hierarchien und Organisationsstrukturen (des eigenen Büro/Kollektiv/Firma) und ein damit einhergehendes Streben nach globaler Gerechtigkeit. (Werden die Menschen, die mein Produkt herstellen, fair bezahlt? Welche Bank benutzen wir für unsere Finanzwege?). Es ist an der Zeit, dass Designer°innen ein individuelles Selbstverständnis (Für wen will ich arbeiten? Wie will ich arbeiten?) entwickeln und sich dessen bewusst werden, welche Position sie vertreten möchten. Eine Möglichkeit, um dies zu erreichen, wäre ein Vergleich des „Ist-Standes“ und des „Wollens“: Wo bin ich/wir – Wie komme ich/wir dahin? „Als Designer°innen werden wir in Zukunft die Plattformen und Infrastrukturen entwickeln. Wir sprechen nicht nur die Sprache des Konsums, wir kreieren sie.“ (Dinkhoff, Jonas 2019:106)
Fest steht, Gestaltung braucht Veränderung – eine Umwälzung der bestehenden Designverhältnisse und Funktionsweisen, so wie ein ständiges Hinterfragen des Systems, in dem Gestalter°innen arbeiten. Dabei müssten Gestalter°innen der Degrowth-Bewegung nicht unbedingt folgen, denn es ist nicht die Bewegung im eigentlichen Sinne, die Gestaltung verändern kann. Es ist die Haltung und wie mit ihr gestaltet wird – eine Haltung, die entsteht, wenn Kreativität und Widerstand zusammen treffen. Denn ohne Widerstand kann keine Lösungen für die anhaltenden sozialen und ökologischen Probleme in unserem Wirtschaftssystem gefunden werden, denn diejenigen, die von unserem Wirtschaftssystem am meisten profitieren, werden nicht aufgeben. Wie dieser Widerstand aussehen wird, bestimmen Gestalter°innen selbst – es braucht aber Bewegungen, die Alternativen zu dem bestehenden System aufzeigen und eine Bereitschaft, dem gegenwärtigen System zu widerstehen. Dabei wäre es wichtig, dass Gestalter°innen sich zusammen schließen, denn „ohne eine gemeinsame Sammlung von Werten und Verhaltensweisen - ohne eine Kultur, in der der Akte des Widerstands von breiten Bevölkerungsteilen unterstützt wird, werden wir nicht in der Lage sein, jenen Systemwandel herbeizuführen, der notwendig ist, um Gerechtigkeit herzustellen und den Zusammenbruch unserer Lebenserhaltungssysteme zu verhindern“ (John, Jordan 2017: 55).

Quellen

Brünzels, Sonja und Blissett, Luther. 2012,Handbuch der Kommunikationsguerilla, 5. Auflage , Assoziation A., Berlin, ISBN 978-3-86241-410-9

Dinkhoff, Jonas (2019). Buy this shit – Die Rolle des Designers im Ästhetischen Kapitalismus. Verlag der Ideen, Münster. ISBN 978-3-942006-38-5

Jans, Thorge, 2018, Greenwashing – Die dunkle Seite der CSR , Reset – Digital for Good (Aufgerufen am 12.02.2020)

Jordan, John, 2017, Degrowth in Bewegung(en)32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation Artivism, Degrowth mit Fantasie beleben, Konzeptwerk Neue Ökonomie & DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.) www.degrowth.info. (abgerufen 11. 02.2020) Papanek, Victor, 2019, Design for the Real World, 3. Auflage, Thames & Hudson Ltd, London, ISBN 978-0-500-29533-5

Pfeffer, Florian, 2014, To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt – Stategien, Werkzeuge, Geschäftsmodelle, 2.Auflage, Verlag Herrmann Schmidt Mainz, ISBN 978-3-87439-834-3

Sandy Kaltenborn, Holger Bedurke: Politisch, soziales Engagement & Grafik-Design. Berlin 2000, ISBN 3-926796-62-6, S. 120–127.

Smith, Maria im Interview mit Mark Minkjan,2019, Degrowth is about redistribution by design, not by collapse, FA Failed Architecture ( Abgerufen am 12.02.2020)

The Yes Men, 2004, Dow Does the Right Thing, theyesmen.org/projects, (abgerufen am 12.02.20)


  1. Degrowth „oder Postwachstum ist eine Bewegung, die sich gegen die Wachstumslogik des Kapitalismus und für ein suffizientes, nachhaltiges Wirtschaften und Leben einsetzt.“ (I.L.A Kollektiv 2019:103) ↩︎

  2. Formgerechte und funktionale Gestaltgebung und daraus sich ergebende Form eines Gebrauchsgegenstandes. Dudenredaktion (o. J.): „Design“ auf Duden online. URL: www.duden.de/rechtschreibung/Design (Abrufdatum: 12.02.2020) ↩︎

  3. Als Greenwashing werden Kampagnen und PR-Aktionen bezeichnet, die einzelne Produkte, ganze Unternehmen oder politische Strategien in ein „grünes“ Licht stellen, sodass der Eindruck entsteht, die Akteure würden besonders umweltfreundlich, ethisch korrekt und fair handeln. Unternehmen, die Greenwashing betreiben, treten in den Augen der Käufer und der Öffentlichkeit mit einem grünen Image auf und verkaufen dem Konsumenten das Prädikat „ökologisch wertvoll“. Bei den grüngewaschenen Produkten entspricht dieser äußere Schein allerdings nicht den ökologischen Tatsache. ↩︎

  4. Commons. „Commons sind eines der Grundprinzipien der solidarischen Lebensweise. Commons sind materielle und soziale Güter, Dienstleistungen und Ressourcen, die Menschen zum Leben brauchen und die gemeinschaftlich erzeugt, erhalten und genutzt werden. Dieser Prozess nennt sich Commoning (Gemeinschaffen). Commons gehören nicht einem Menschen als Privateigentum, sondern stehen allen Menschen gleichberechtigt zur Verfügung.“ (I.L.A Kollektiv 2019:102) ↩︎