Degrow Design

Eco-Fashion – Werden Pilze die Modeindustrie retten?

Christian Kummer

Einleitung

In der Geschichte der Modeindustrie gab es viele Wandlungen und neue Technologien, die Anwendung gefunden und sich teilweise auch durchgesetzt haben. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem neu aufkommenden Trend der Eco-Fashion bzw. dem Ersatz von üblichen Stoffen. Neue Verarbeitungsmöglichkeiten von Ausgangsmaterialien, wie Pilzen, werden entwickelt und auch die Züchtung von komplett neuen Fasern könnte die Modewelt revolutionieren.
Die immer weiter schwindenden Ressourcen und die starke Umweltbelastung durch allgemein genutzte Fasern wie Acryl, Nylon und Polyester, die auf Erdöl basieren machen es unumgänglich, sich nach Alternativen umzuschauen die nachhaltiger sind.
Leder wurde schon vor unzähligen Jahren hergestellt und verwendet. Ötzi hat vor über 5300 Jahren mit Kleidung und Schuhen aus Leder versucht, die Alpen zu überqueren. Damals wie heute ist bekannt, dass Leder aus gegerbter Haut von Tieren gewonnen wird.
Für dieses alte Vorgehen entwickeln sich allerdings aktuell viele alternative Möglichkeiten der Herstellung. Unzählige Start-ups schießen aus dem Boden und Versprechen, Leder aus nicht-tierischen Materialien und besonders umweltfreundlich herzustellen. Synthetisches Leder gibt es zwar schon für eine längere Zeit, allerdings muss für die Produktion sehr viel Öl und Plastik verwendet werden, wodurch diese Methode ebenso umweltschädlich ist, wie die Herstellung von echtem Leder, da die Materialien nicht recycel- oder abbaubar ist. (1)

Einführung in Fast- und Eco-Fashion:

Weiterhin problematisch im Zusammenhang zur Produktion von Ledermaterialien ist der aktuelle Konsum und der Umgang mit der daraus entstehenden Kleidung. Billig produzierte Textilien haben eine immense Auswirkung auf Mensch und Umwelt. Meist bezieht man sich selbst nicht in diese Problematik ein, allerdings verbergen sich oft, auch im eigenen Kleiderschrank, ungetragene Kleidungsstücke, welche nicht fair produziert wurden. Vor allem junge Leute setzen sich kaum mit diesem Thema auseinander. „Die durchschnittliche Lebensdauer eines Kleidungsstückes in deutschen Kleiderschränken von Jugendlichen beträgt etwa ein Jahr“ (2)
Oft werden Kleidungsstücke beliebig gekauft, um sie ein paarmal zu tragen und spätestens nach einem Jahr wieder zu entsorgen. Viele Fast Fashion Kleidungsstücke überleben nicht länger als eine gewöhnliche Einkaufstüte. Primark, H&M, Zara usw. sind speziell auf diesen Trend ausgelegt, da sie Mode zu einem geringen Preis verkaufen und die neusten Trends direkt in den Geschäften haben. Den geringen Preis erreichen sie durch die Produktion in Ländern wie China oder Bangladesch unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Ein weiteres großes Problem ist die Verwendung von Chemikalien. Über 60 % der Wasserreserven in China sind mittlerweile damit verseucht und auch die Luft wird dadurch massiv verunreinigt.
In den Ländern wo die Produkte im Handel sind, bekommt man davon allerdings nur wenig mit, weswegen man nicht lange überlegt, ob man ein T-Shirt für 5 € mitnimmt oder nicht. Da Kleidung allgemein sehr austauschbar geworden ist und Menschen ihren Look gerne wechseln, leidet die Umwelt massiv. Eco-Fashion ist zwar teurer, schützt allerdings die Umwelt und auch die Menschen in den Produktionsländern. (3)

Eco ist kurz für „Ecology“, was die Interaktion zwischen Organismen und der Umwelt bedeutet. (4) Als Eco-Fashion kann somit Kleidung bezeichnet werden, welche die Faktoren Umwelt, Gesundheit der Verbraucher und die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie beachtet und schützt. Weiterhin werden die Kleidungsstücke aus organischen Materialien hergestellt, besitzen keine Chemikalien oder Bleichmittel und bestehen oft aus recycelten oder wiederverwendeten Textilien. Zusätzlich sollen sie lange halten, sodass sie länger getragen werden können. (5)
Allerdings sollte man auch immer beachten, dass ein Kleidungsstück nie 100 % umweltfreundlich sein kann, da für jedes neue Stück immer der Produktionsvorgang geschehen muss und dieser in der Regel in irgendeiner Form immer Wasser und Energie verbrauchen wird. (6)

Die Alternative? - Pilzleder Start-ups

Allerdings benötigen wir Menschen Kleidung und somit gilt es aktuell als Ziel, Alternativen zu finden die möglichst Ressourcenschonend sind und die aktuellen Vorgehensweisen in der Modeindustrie aufbrechen.
Die Natur bietet dafür gute Möglichkeiten z. B. Pilze zu Leder zu verarbeiten und damit tierisches Leder zu ersetzen. Einige Start-ups wurden gegründet, die sich mit der Umwandlung von Pilzen in lederähnliche Strukturen beschäftigen.
MycoWorks ist ein Start-up, welches die unter der Erde wachsenden Wurzelfasern der Pilze, die sogenannten ‚Myzelien‘, benutzt um Leder zu produzieren. (7) Um diese Wurzelfasern zu züchten, verwenden sie Abfälle aus der Landwirtschaft wie z. B. Maiskolben oder Hanffasern, wodurch noch einmal erheblich weniger Ressourcen verbraucht werden als bei der Herstellung von tierischem Leder. Die Produktion hinterlässt keinen Abfall und die Materialien sind komplett kompostierbar, da alles organisch ist. Das Leder kann sehr gut mit tierischem Leder mithalten, da es Feuchtigkeit von der Haut absorbieren kann und außerdem atmungsaktiv und wasserabweisend ist. Dadurch bieten sich auch gleichzeitig Vorteile gegenüber anderem synthetischen Leder. Ebenfalls werden bei der Produktion keine Chemikalien verwendet, die später in der Umwelt landen.
Zum Vergleich: Ein Rind braucht zwei Jahre Futter, Wasser und Platz. Dieses Pilz-Wurzelgeflecht schafft es in zwei Wochen, mit geringeren Ressourcen auf die äquivalente Ledergröße zu kommen.

Myzelien

Ein anderes Start-up, welches sich mit der Verarbeitung vom Zunderschwamm-Pilz (Fomes fomentarius) auseinandersetzt ist Zvnder. Es wurde von der Designerin Nina Fabert in Berlin gegründet, aufgrund der Masterarbeit ihres Textildesign-Studiums.
Der Zunderschwamm ist ein spezieller Baumpilz. Er kann Wasser binden und wird daher als Schwamm bezeichnet. Üblicherweise befällt er Birken und Buchen und bildet am Stamm seine Fruchtkörper. Als Parasit überlebt er über mehrere Jahre und kann einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen.

Zunderschwamm

Aus dem Zunderschwamm wird der sogenannte Stoff ‚Trama‘ hergestellt. Obwohl das Material früher sehr bekannt war, ist es heutzutage nahezu ausgestorben. Lediglich im rumänischen Transsilvanien wird der Stoff noch produziert. (8) Das optisch fast identische Material zum Tierleder ist vegan und zudem organisch sowie chemikalienfrei. Die samtige Oberfläche ist ebenfalls antibakteriell und antiseptisch.
Die Pilze als Ausgangsmaterial bezieht Zvnder von einem Familienbetrieb aus Rumänien. Vor Ort gibt es ein hohes Vorkommen an Zunderschwämmen, weshalb es dort schon seit Generationen verarbeitet wird. Bei der Natur-schonenden Hand-Ernte wird weiterhin stets darauf geachtet, dass nachhaltig gearbeitet wird und der Pilz erhalten werden kann. Nach der Ernte muss der Pilz bis zu ein Jahr getrocknet werden bevor er weiterverarbeitet werden kann. (9) Die Verarbeitung des Materials wird per Hand praktiziert, nimmt viel Zeit in Anspruch und erfordert einige Schritte. Laut der Website von Zvnder, werden jedoch keine Chemikalien benutzt und die anfallenden Abfallprodukte werden ebenfalls weiterverwendet. „Im ganzen Herstellungsprozess kommen keinerlei Chemikalien zum Einsatz. Auch für die anfallenden Reststoffe gibt es Verwendung als Räucherware in der Bienenzucht.“ (10)
Weiterverarbeitet wird das Leder dann in Berlin. Hierbei wird eine Strapazierfähigkeit und Schutz vor Nässe hergestellt. Dabei werden Komposite aus Biotextilien und Pilzleder hergestellt und verschiedene Beschichtungen angewendet. (11)
Über ihre Website verkauft Nina die unterschiedlichen Produkte wie Portemonnaies, Armbänder und Caps. (12)

Endprodukt Portemonnaie

Zvnder strebt außerdem eine komplette Nutzung des Pilzes an. Daher werden selbst aus dem Abfall des Leders noch Fasern extrahiert, die als Einlegesohlen und Uhrenarmbänder verwendet werden. Unter anderem durch die starke Absorptionsfähigkeit wurden positive Effekte für die Nutzer festgestellt z. B. die Verbesserung von Fußpilz und die Vorbeugung von Hautreizungen von Neurodermitis-Betroffenen.
Als Massenprodukt kann der Zunderschwamm allerdings momentan noch nicht angesehen werden, da es ein Nischenprodukt darstellt und die Stückzahl begrenzt ist, vor allem aufgrund der aufwendigen Produktion in Handarbeit. Außerdem ist jedes Produkt ein Unikat, da jedes Lederstück eine unterschiedliche Größe und Qualität aufweist. (13)

Leder aus DNA: ZOA

Modern Meadow ist ein Start-up aus New York, welches sich mit damit beschäftigt, tierische Produkte wie z. B. Leder mithilfe von Gentechnik nachhaltig herzustellen. Seit 2014 und mit 70 Mitarbeitern entwickelten sie ein Verfahren, Leder herzustellen ohne Tiere zu benötigen. Das erreichen sie durch die Bearbeitung der DNA von Hefesporen. Diese wird aufgebrochen und zwei Enzyme hinzugefügt, um Leder herstellen zu können. Somit können nicht-tierische Zellen Kollagen produzieren, welches das Hauptprotein von tierischer Haut darstellt. Dieses gezüchtete Kollagen wird dann gereinigt und so verarbeitet, dass man Materialien herstellen kann, die tierischem Leder nahezu identisch sind. Bei den Gerbungs- und Verarbeitungsschritten wird darauf geachtet, keine umweltschädlichen Chemikalien zu verwenden. (14) Außerdem sind mit diesem Material Designs und Verarbeitungsschritte möglich, die mit traditionellem Leder nicht machbar wären, da ZOA eine fast flüssige Form einnehmen kann. Eine weitere Besonderheit von ZOA ist die Möglichkeit es in jede Form zu verwandeln und es ebenfalls mit anderen Materialien zu kombinieren. Außerdem fällt die Verwendung von Nähten weg, da sich das Material im flüssigen Zustand mit anderen Teilen verbinden kann. (15)

Endprodukt Portemonnaie

Die Anwendbarkeit von ZOA

Aktuell gibt es noch große Probleme in der Anwendbarkeit des Stoffs, da die produzierbare Menge noch viel zu niedrig ist. „Suzanne Lee (Chief Creative Officer von Modern Meadow) geht davon aus, dass ZOA in 10 bis 20 Jahren auf dem Markt etabliert sein wird.“ (16) Außerdem soll der Preis des Stoffes später mit dem traditionellen Leder konkurrieren. Aktuell ist die Zielgruppe des Leders vorerst das Luxussegment, um die Produktionskosten decken zu können und Margen zu erzielen, die Modern Meadow einen ökonomischen Erfolg sichern können. Aufgrund dessen hat Modern Meadow einige ehemalige Kommunikationsexperten bzw. Leitende Personen von Marken wie Michael Kors oder Gucci als Berater eingestellt. Eine Kooperation mit einer Luxusmarke war bereits 2018 geplant, wurde allerdings bis jetzt noch nicht veröffentlicht. (17) Viele Quellen sprechen von einer Einführung von ZOA in 2018 und 2019. Allerdings findet man im Internet noch immer keine detaillierten Informationen ob und wo man ZOA Kleidung schlussendlich kaufen kann.

Fazit

In den letzten Jahren wurden unzählige Start-ups gegründet, die neue alternative Stoffe entwickeln oder vorhandene Pflanzenteile benutzen, um sie in der Kleidungsindustrie zu verwenden. Auf den ersten Blick ist das ein guter Trend der Modeindustrie. Auch im Internet findet man ausschließlich positive Vorstellungen von diesen Materialien und Möglichkeiten. Im Kontext von Degrowth, ist diese neue Form des Designs allerdings kritisch zu betrachten. Außerdem bleibt die Frage offen, ob diese neuen Materialien wirklich Massentauglich werden können, da man aktuell noch nicht ausreichend Angebote findet, sodass die kommerzielle Modeindustrie weiterhin auf umweltschädliche, billige Stoffe zurückgreift. Weiterhin bleibt die Frage offen, wie lange diese neuartigen Kleidungsstücke halten und ob sich damit auch unser Konsumverhalten ändert. Fast Fashion ist kein Problem der Produktion der Kleidung, sondern der Gesellschaft, den Drang verspüren zu müssen jedes Jahr neue Kleidung zu kaufen.

Meiner Meinung nach ist das Thema Eco-Fashion und die Erstellung von neuen Materialien bzw. die Verwendung von pflanzlichen Materialien ein Schritt in die richtige Richtung. Kleidung sollte nachhaltiger werden und vor allem auch unter faireren Bedingungen produziert werden. Für Menschen aber auch für die Natur. Allerdings denke ich, dass diese Entdeckung der neuen Materialien nicht wirklich zum Thema Degrowth beitragen kann, da es den Konsum der Kleidung weiterhin erlaubt und sogar anregt durch die gezielte Ansprache der Leute. Eher könnte es dem Thema Green Growth zugeordnet werden, da es sich auf die Verwendung von nachhaltigen Materialien konzentriert. Trotzdem sollten Menschen die nachhaltige Kleidung nicht benutzen, um ihren extrem hohen Konsum von Kleidung zu rechtfertigen. Die durchschnittliche Lebensdauer von einem Jahr pro Kleidungsstück ist nicht vertretbar und das ändert leider auch kein neues nachhaltiges Material.

(1): FashionMakery. (n.d.). ZOA – LEDER AUS DEM LABOR. https://www.fashionmakery.com/home/zoa-leder-aus-dem-labor/

(2): Sina Petri. (2018). GREENPEACE – MODEKONSUM IN ZEITEN VON FAST FASHION. https://peppermynta.de/fair-fashion/fair-fashion-greenpeace-modekonsum-fast-fashion/

(3): Sina Petri. (2018). GREENPEACE – MODEKONSUM IN ZEITEN VON FAST FASHION. https://peppermynta.de/fair-fashion/fair-fashion-greenpeace-modekonsum-fast-fashion/

(4): Courtney Sunday. (2016). WHAT IS ECO-FASHION AND HOW TO BE RESPONSIBLY FASHIONABLE. https://www.naturespath.com/en-us/blog/what-is-eco-fashion-and-how-to-be-responsibly-fashionable/

(5): STEP. (n.d.). Eco-friendly fashion. http://stepin.org/casestudye4c3.html?id=ecofashion&page=2

(6): Courtney Sunday. (2016). WHAT IS ECO-FASHION AND HOW TO BE RESPONSIBLY FASHIONABLE. https://www.naturespath.com/en-us/blog/what-is-eco-fashion-and-how-to-be-responsibly-fashionable/

(7): Ruth Herberg. (2016). Wie aus Pilzen Leder wird. https://www.wiwo.de/technologie/green/eco-fashion-wie-aus-pilzen-leder-wird/14490752.html

(8): Paulus Müller. (2017). Der Zunderschwamm - Veganes Leder aus Pilzen. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/der-zunderschwamm-veganes-leder-aus-pilzen

(9): Simone Preuss. (2018). Nachhaltige Textilinnovationen: Pilzleder. https://fashionunited.de/nachrichten/business/nachhaltige-textilinnovationen-pilzleder/2018050725215

(10): Zvnder. (n.d.). FROM TRANSYLVANIA. https://www.zvnder.com

(11): Simone Preuss. (2018). Nachhaltige Textilinnovationen: Pilzleder. https://fashionunited.de/nachrichten/business/nachhaltige-textilinnovationen-pilzleder/2018050725215

(12): Jasmina Schmidt. (2018). Fungi-Power: Diese Pilze können Leder ersetzen. https://reset.org/blog/fungi-power-diese-pilze-koennen-leder-ersetzen-11072018

(13): Simone Preuss. (2018). Nachhaltige Textilinnovationen: Pilzleder. https://fashionunited.de/nachrichten/business/nachhaltige-textilinnovationen-pilzleder/2018050725215

(14): FashionMakery. (n.d.). ZOA – LEDER AUS DEM LABOR. https://www.fashionmakery.com/home/zoa-leder-aus-dem-labor/

(15): Gintare Matuzaite. (2018). Future of Fashion: Innovative BioLeather: Zoa by Modern Meadow. https://amberoot.com/blogs/blog/future-of-fashion-innovative-bioleather-zoa-by-modern-meadow

(16): FashionMakery. (n.d.). ZOA – LEDER AUS DEM LABOR. https://www.fashionmakery.com/home/zoa-leder-aus-dem-labor/

(17): NomoNoma. (2018). Zoa, Leder ohne Kuhhaut. http://www.nomonoma.de/zoa-leder-ohne-kuhhaut/

Abbildungen: Abb. 1: Myzelien // https://www.sueddeutsche.de/wissen/materialforschung-kunst-aus-pilz-geboren-1.3914979

Abb. 2: Zunderschwamm-Pilz // https://reset.org/blog/fungi-power-diese-pilze-koennen-leder-ersetzen-11072018

Abb. 3: Endprodukt: Portemonnaie // https://www.zvnder.com/collection.html#wallets

Abb. 4: Shirt mit ZOA-Lederstreifen // http://www.nomonoma.de/zoa-leder-ohne-kuhhauta/