Degrow Design

Das Gesundheitssystem unter der Betrachtung von Ressourcenknappheit

Friedrich Gerlach

Das Gesundheitssystem ist ein sehr effektiver und notwendiger Bereich unserer Gesellschaft. Es dient dazu sowohl Leben zu retten als auch Erkrankungen zu heilen und das nach Möglichkeit für jede Person gleichermaßen. Im Zuge der Erfüllung dieser Aufgabe verbraucht es viele Ressourcen, welche in Zukunft knapp werden. Ähnlich wie in vielen anderen Bereichen geht es jetzt schon darum dieses Problem zu erkennen und rechtzeitig zu reagieren. Übertragen auf die Globalisierung und das Ideal einer weltweiten, flächendeckenden medizinischen Versorgung und damit einhergehenden älter werdenden Gesellschaft würde der exzessive Verbrauch von Ressourcen im Gesundheitssystem, wie er im globalen Norden stattfindet, der Erde enorm schaden.
Mit der besser werdenden medizinischen Versorgung geht auch eine längere Lebenserwartung und eine damit verbundene höhere Anzahl von zu behandelnden älteren Personen einher. Aus der immens steigenden Anzahl von Patienten°innen folgt unweigerlich eine deutliche Zunahme an Verbrauchsmaterialien und Medikamenten im Gesundheitssektor. Nun sind viele Ressourcen jedoch begrenzt und dazu zählen nicht nur seltene Metalle und Erden, wie sie in medizintechnischen Geräten vorkommen, sondern auch ganz einfache Sachen wie das Erdöl aus dem Verpackungsmaterialien zum sterilen Verpacken von Behandlungsmaterialien hergestellt sind. Zwar muss man ganz klar sagen, dass der Medizinsektor aller Wahrscheinlichkeit nach am längsten Zugriff auf diese Materialien haben sollte und als letztes von der Problematik endlicher Ressourcen betroffen sein wird, doch beschäftigt sich der folgende Text damit wie schon vorsorglich gehandelt werden kann und welche Maßnahmen vielleicht in der Zukunft getroffen werden könnten.
Im Vergleich zum Gesundheitswesen kann in anderen Sektoren der Industrie einfacher ein gesellschaftlicher Konsens zum nachhaltigen, umweltvertäglichen Verbrauch geschaffen werden. Emotionen und die Abhängigkeit menschlichen Lebens lassen diese Debatte zu einem heiklen Thema werden und somit auch kein Verständnis für auftretenden Mangel von Medikamenten oder Behandlungsmöglichkeiten zu. So ist der Ansatz des Degrowths, in Zukunft statt mehr Wachstum im Sinne von schneller, höher, weiter, besser auf ein Nötiges zu reduzieren, im Gesundheitssektor sehr schwer umzusetzen. Die heutzutage angestrebte Kostenoptimierung im Gesundheitswesen ist politischen durch eine Stabilität der Kassenbeiträge einerseits und höheren Ausgaben für neuartige Behandlungsmethoden andererseits geprägt. Die Effektivität der medizinischen Behandlungen wird maximiert und der Einsatz von preiswert hergestellten Medikamenten erfolgt um Kosten einzusparen. Hier wird leider noch nicht aus Überzeugungen zur Einsparung von Ressourcen der Umwelt zuliebe gehandelt.
Dennoch entstehen auch bei dieser Einsparung für die Umwelt nützliche und durchaus sinnvolle Fortschritte, welche Ressourcenknappheit vorbeugen. Zum Beispiel wurden beim Umbau des Evangelischen Krankenhauses Hubertus neue Anlagen zur Strom- und Wärmegewinnung installiert. Durch diese Maßnahmen konnten nicht nur die Verbrauchskosten um die Hälfte gesenkt werden, sondern wurde auch der Energieverbrauch des Krankenhauses um 37% reduziert. Diese Umbauten sind allerdings mit hohen Investitionskosten verbunden, welche für die Betreiber°innen eines Krankenhauses nicht einfach zu realisieren sind. Jedoch können auf lange Sicht erhebliche Kosten eingespart werden. (Deutsches Ärtzteblatt) Erschwerend kommt hinzu, dass wie der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Hubertus Matthias Albrecht aussagt „Niemand kommt zu uns ins Krankenhaus, weil wir Energie sparen.“(Deutsches Ärtzteblatt). So kann das Krankenhaus diesen positiven Fakt, anders als in anderen Branchen, nicht als Marketingstrategie nutzen, was heutzutage eine bekannte Art und Weise darstellt seinen Umsatz zu steigern. Auch wenn die Motivation zu solchen Investitionen finanziell begründet sind, ist es oft die einzige Art und Weise Nachhaltigkeit im Sinne von Ressourcenschonung und Umweltfreundlichkeit in der Industrie voran zu bringen und führt durchaus zu einem beachtlichen positiven Effekt. Negative Beispiele geben Firmen, welche ihre medizinischen Geräte gezielt so konstruieren, dass sie nur mit dem dazugehörigen Einwegprodukt, beispielsweise einem Aufsatz, benutzt werden können, der nur durch diese Firma hergestellt und bezogen werden kann. Dies erfolgt zum Beispiel unter dem Vorwand eine bessere Hygiene zu gewährleisten und zielt andererseits darauf ab die Kunden°innen (Krankenhausbetreiber°innen oder Arztpraxen) so an sich zu binden. Hier besteht noch kein Bewusstsein für die Einsparung von Ressourcen, sondern nur der Gedanke einer wirtschaftlichen Optimierung.
Gerade im Medizinbereich ist es schwer zu definieren, ob diese Abwandlungen aus tatsächlich notwendigen Hygieneaspekten geschehen oder aus kommerziellen Impulsen. So ist es auch schwierig für eine Regierung Regelungen für diesen übermäßigen Konsum von Einwegprodukten zu erlassen, was allerdings sehr wünschenswert wäre. Weiterhin scheint es jedoch auch selten gewollt, da Vorschriften von Regierungsseiten hinzu kommen, welche den Verbrauch von Einwegmaterial zum Beispiel im OP fordern und dem Hersteller°innen und Konsument°innen gar keine andere Wahl lassen als an dieser Stelle Einwegprodukte zu nutzen. Wünschenswert wäre es, wenn auch in solchen Fällen die Besinnung auf ein umweltfreundlichen Umgang in Bezug auf Ressourcen stattfindet oder zumindest der Konsument°innen (Klinik / Arztpraxis) letzteres stärker einfordert. Auf Seiten der Produktentwicklung ist es die Aufgabe von Designern°innen und Ingenieuren°innen von Beginn an darauf zu achten Artikel möglichst langlebig zu gestalten und Einwegprodukte zu vermeiden, beziehungsweise gegen wiederverwendbare Produkte auszutauschen.
Zertifikate und Patente erschweren zusätzlich das Eingreifen von externen Entwicklern°innen und verhindern oftmals eine Optimierung von medizinischen Produkten wie beispielsweise das Ersetzen von Wegwerfartikeln durch wiederverwendbare Produkte, welche eine kosten- und zeitaufwändige Zertifizierung benötigen würden. Deswegen ist es schwierig für unbekannte, externe Entwickler°innen ihre Ideen, ohne die Beteiligung großer Firmen mit ausreichendem Kapital, umzusetzen. Das ist unter anderem auch der Grund warum neuartige Materialen, wie zum Beispiel Bio-Kunststoffe, ihren Weg in das Gesundheitssystem nur sehr langsam finden, da sie vor ihrem Einsatz einer Nachweispflicht unterliegen. „[Das bedeutet, dass] ein Nachweis über die Biokompatibilität des Polymers gemäß europäischen oder US-amerikanischen Vorschriften [vorliegen muss.]“ (Medizin &Technik) „Für Materialien aus externen Wertstoff-Kreisläufen liegen diese Nachweise in den meisten Fällen nicht vor und sind auch nicht einfach beschaffbar, da die zugehörigen Genehmigungsverfahren sehr aufwendig, kostspielig und zeitintensiv sind. Deshalb sind sie für die Verarbeiter in der Regel kein Thema.“(Medizin &Technik) – wie Peter Breuer in einem Artikel berichtet. Dank der genauen Dokumentation von diesen Werkstoffen müsste es theoretisch, ohne weitere Probleme, möglich sein diese Produkte sortenrein zu trennen und so zu recyceln. Leider ist dies nur in wenigen Ausnahmen der Fall. Einerseits liegt das an den fehlenden Überlegungen während des Entwicklungsprozesses, wie man verschiedene Produktkomponenten so voneinander trennen könnte, um später einen einfachen Recycling-Prozess gewährleisten zu können und andererseits an der mangelnden Trennung des Krankenhausabfalles. „Als Gründe werden hierfür häufig Zeitmangel oder auch beengte Verhältnisse in den Entsorgungsräumen angegeben.“ (www.abfallmanager-medizin.de) Meiner Meinung nach fehlt an dieser Stelle vor allem das Bewusstsein über die seltenen Materialien, die hier so sorglos weggeworfen werden. Einer dieser typischen Wegwerfprodukte sind Herzkatheter, welche äußerst selten recycelt werden. „Dabei ist die Herzkatheter-Verwertung eine finanziell lohnende und zudem ressourcenschonende Alternative zur Entsorgung, da die Katheterspitzen in den meisten Fällen aus wertvollem Edelmetall – zu allermeist Platin – bestehen, das von spezialisierten Entsorgungsfachbetrieben mittels Spezialverfahren zurückgewonnen werden kann.“ (abfallmanager-medizin.de) Gerade in Krankenhäusern sollte es durch meist kontinuierliche Lieferanten°innen ein Leichtes sein die benutzen Artikel dem Hersteller°innen zurück zu geben, welcher diese recyceln kann und somit eine perfekte Kreislaufwirtschaft entstehen zu lassen, wie es von einigen wenigen Unternehmen auch durchgeführt wird. Dadurch könnte überflüssiger Abfall vermieden und der Ressourcenverbrauch von Krankenhäusern reduziert werden. Alle zuvor genannten Punkte würden dazu beitragen, dass effektiv mehr Ressourcen zur Behandlung von mehr Patienten°innen zur Verfügung stehen würden. All diese Gedanken stimmen überein mit dem Ansatz der Rationalisierung im Gesundheitswesen, welcher folgendes aussagt: „Rationalisierungsmaßnahmen sind also durch die Vernunft begründete sinnvolle Handlungen, die darauf abzielen, bei gleichbleibendem finanziellem Aufwand das Versorgungsniveau zu erhöhen oder bei geringerem finanziellem Aufwand das Versorgungsniveau zu halten.“ (Deutsches Ärtzteblatt) In dieses Fall bezieht sich die Rationalisierung ausschließlich auf den Faktor Kosten. Hierbei geht es nicht nur um Rohstoffe, sondern auch um die Analyse von Behandlungsmethoden und deren Prüfung auf Effektivität. In Zukunft sollte hier nicht nur die Effektivität der Behandlung, sowie der konkrete Verbrauch von Ressourcen geprüft werden, sondern auch deren Auswirkungen auf die Umwelt und Gesellschaft. Somit ergeben sich schnell sehr philosophische Fragen, wie zum Beispiel: Wie viel Nutzen muss eine Behandlung erbringen um den dabei entstandenen Verbrauch und damit einhergehenden Schaden der Umwelt zu rechtfertigen. Dieser Gedanke wäre meiner Meinung nach ein zu beachtender Faktor, welcher sich in Zukunft, ebenso wie Kosten, in die Gleichung integrieren sollte. „Unterstellt man, dass trotz des Ausschöpfens aller Rationalisierungspotenziale in Zukunft der erwiesenermaßen nützliche medizinische Fortschritt nicht allen Patienten zur Verfügung gestellt werden kann, so stellt sich unweigerlich die Frage, nach welchen Kriterien die Zuteilung von Gesundheitsleistungen in diesem Fall geregelt und umgesetzt werden kann.“ – (Deutsches Ärtzteblatt)
An diesem Punkt spricht man von Priorisierung. Also welchen Patienten°innen könnte es erlaubt werden eine Behandlung zu beginnen und welche Kriterien wären ausschlaggebend dafür. Generell versteht man unter Priorisierung „die ausdrückliche Feststellung einer Vorrangigkeit bestimmter Indikationen, Patientengruppen oder Verfahren vor anderen“ – (Deutsches Ärtzteblatt). So müssten nun Indikatoren festgelegt werden, welche ganz offen für die Gesellschaft zugänglich erklären würden warum ein Patient°in mehr Recht auf eine Behandlung hätte als ein andere°r. Auf Grund der Verteilung der Reichtümer auf der Welt ist es zurzeit im globalen Norden nur in wenigen Fällen notwendig zu priorisieren, da eine gute medizinische Versorgung weitgehend gegeben ist. So werden Personen aus wohlhabenden und wirtschaftlich gut entwickelten Ländern auf Grund des finanziellen Vorteils und des Geburtsortes, bevorzugt. Momentan wird der Diskurs über die Priorisierung meist nur innerhalb der Grenzen eines Landes geführt und Lösungsansätze präsentiert, um für den Fall des Mangels vorbereitet zu sein. In Entwicklungsländern ist oft die einzige Art der Priorisierung, ob sich der°die Patient°in die Behandlung leisten kann. Dank des solidarischen Gesundheitssystems in Deutschlands ist zurzeit eine Grundversorgung, unabhängig von dem gesellschaftlichen Status, gesichert. Verlässt man jedoch die Grenzen der Länder und überlegt in welcher Art und Weise eine Priorisierung weltweit und ohne den Einfluss der ungleich verteilten Reichtümer stattfinden könnte, so wäre man darauf angewiesen neue Kriterien festzulegen zu müssen. Offensichtliche Punkte wären laut der zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer „die medizinische Bedürftigkeit (den Schweregrad und die Gefährlichkeit der Erkrankung, Dringlichkeit des Eingreifens), den erwarteten medizinischen Nutzen und die Kosteneffektivität […] Bei gleichem medizinischem Nutzen zweier Maßnahmen würde man diejenige auswählen, die kostengünstiger ist“. (Deutsches Ärtzteblatt) Wie sähe es jedoch in Zukunft mit Kriterien wie zum Beispiel den Patienten°innenalter oder seinem°ihrem Nutzen für die Gesellschaft aus? Geht man davon aus, dass zu viele Personen den gleichen Stand, bezogen auf die Kriterien der zentralen Ethikkommission haben, wie es global gesehen durchaus jetzt schon der Fall ist und nur durch die ungleiche Reichtümerverteilung geregelt wird, so müssten vielleicht neue Kriterien zur Priorisierung gesellschaftlich definiert werden. Als Beispiel: Ein Arzt, welcher das Überleben vieler Menschen sichert und viele Leben rettet erkrankt an derselben Krankheit, wie ein Krankenpfleger, welcher sich um das Wohlergehen einer kleinen Gruppe kümmert und auch einen sehr wichtigen Teil der Gesellschaft bildet. Die Ressourcenlage lässt jedoch nur zu eine der beiden Personen zu heilen und nun müsste klar und deutlich sowie nachvollziehbar definiert werden wem diese Heilung zusteht. Gleichzeitig dürfte dieser Entscheidungsprozess nicht durch ein langwieriges Verfahren, wie zum Beispiel die Regelung durch ein Gericht oder einen Ausschuss, getroffen werden, da in diesem Fall die Erkrankung beider Personen schneller Handlung bedarf. Die Heilung des Arztes würde naheliegend erscheinen, welcher objektiv gesehen einen gesellschaftlichen Mehrwert bilden würde, da er mehr Menschen effektiv helfen könnte als der Krankenpfleger, welcher sich „nur“ um eine verhältnismäßig kleine Gruppe der Gesellschaft kümmern würde. Wie entwickelt sich das Szenario jedoch, wenn man weitere Faktoren hinzufügt. Beispielsweise das Alter des knapp 60-jährigen, kurz vor der Rente stehenden Arztes und des jungen kurz nach der abgeschlossenen Ausbildung stehenden Pflegers, welcher zusätzlich dazu für eine junge Familie mit kleinen Kindern zu sorgen hättet. Insgesamt würde diese Vorstellung Menschen wie Dinge zu kategorisieren und in verschiedene Raster einzuordnen mulmige Gefühle auslösen. „Allerdings lehnt auch Kant Betrachtungen des Menschen unter Nutzenaspekten nicht ab, sofern es nicht das einzige und ausschlaggebende Kriterium ist.“ (Deutsches Ärtzteblatt)

In Zukunft wird es notwendig sein, dass das Gesundheitssystem sich dem Wandel der Zeit anpasst und sich kleineren Fragen, wie zum Beispiel der Einführung von Werkstoffkreisläufen oder der Effektivität von Ressourcennutzung stellt. Obwohl wie anfangs gesagt das Gesundheitssystem weltlich begrenzten Ressourcen am längsten zur Verfügung gestellt bekommen sollte. Jedoch auch größere Fragen, wie Kriterien zur Priorisierung könnten unter den Gesichtspunkten der Ressourcenknappheit und dem resultierendem begrenzten Wachstum des Gesundheitssystems betrachtet werden. Auch Gesetze und Regularien sollten auf Umweltfreundlichkeit und Ressourcenschonung geprüft werden. Diese Fragen sollten jetzt schon offen diskutiert werden um das Bewusstsein für zukünftigen Mangel, welcher aktuell kaum gesellschaftliche Akzeptanz findet, zu wecken.

Quellen: Autor: Dr. med. Birgit Hibbeler, Autor: Heike E. Krüger-Brand Year: 2013, Nachhaltigkeit: Das grüne Krankenhaus, Deutsches Ärtzteblatt, https://www.aerzteblatt.de/archiv/147581/Nachhaltigkeit-Das-gruene-Krankenhaus

Autor: Susanne Schwab, Year: 2019, Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe – auch in der Medizintechnik-Produktion, Medizin &Technik, https://medizin-und-technik.industrie.de/allgemein/kreislaufwirtschaft-fuer-kunststoffe-auch-in-der-medizintechnik-produktion/

Wertvoller Krankenhausabfall,Verwertung von Herzkathetern, Abfallmanager Medizin, Year: 2019 https://www.abfallmanager-medizin.de/themen/wertvoller-krankenhausabfall-verwertung-von-herzkathetern/

Autor: Fuchs, Christoph; Autor: Nagel, Eckhard; Autor: Raspe, Heiner; Year: 2009 Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung – was ist gemeint?, Deutsches Ärtzeblatt, https://www.aerzteblatt.de/archiv/63854/Rationalisierung-Rationierung-und-Priorisierung-was-ist-gemeint