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Achtsamkeit

Rebecca Wiegand

Kann Achtsamkeitstraining unser Konsumverhalten beeinflussen?
Wir Menschen nutzen die Ressourcen der Erde, um unsere natürlichen Bedürfnisse zu stillen. De facto wird in den wirtschaftlich starken Ländern weitaus mehr verbraucht, als die Natur bereit stellen kann. Unsere Lebensweise und unser Wirtschaftssystem provozieren eine Ausbeutung der Umwelt mit verheerenden Folgen und darüber hinaus eine Ungleichverteilung der Güter unter den Menschen. Einen Grund für unseren übermäßigen Konsum sieht Dr. Ha Vinh Tho (2014), Leiter des Gross National Happiness Centre in Bhutan, in der Entfremdung von Mensch und Natur, den Menschen untereinander, vom eigenen Selbst und vom Gemeingut (S.75-93). Um dieser Entfremdung entgegen zu wirken und somit unser Konsumverhalten zu beeinflussen, ist zu klären, ob verschiedene Praktiken, die einen achtsamen Umgang auf all diesen Ebenen fördern, dazu verhelfen können, Friede und Glück in Verbundenheit zu finden und mit Hilfe von Wissen und Verantwortungsbewusstsein einen nachhaltigen Lebensstil zu etablieren. Unsere gesamte Erdoberfläche, mit allem was auf ihr wächst und vorkommt und vom Menschen auf vielfältige Weise genutzt werden kann, ist als Ressource zu betrachten. Manfred Max-Neef (hat festgestellt, dass das Bedürfnis, was am stärksten an die Fähigkeit des Überlebens gekoppelt ist und somit die Lebensgrundlage bildet, körperliche und geistige Gesundheit, ausreichend Nahrung, Obdach, Arbeit sowie Familie und Freunde umfasst. Weiterhin ist der Wunsch nach Sicherheit, Zuneigung und Liebe, nach Verständnis, welches Experimentierfreude und Lernbereitschaft einschließt, Partizipation, Muße, Sorglosigkeit, Kreativität sowie Identität und Freiheit zu nennen. Wie beides miteinander zusammenhängt, möchte ich im Folgenden exemplarisch darstellen: In unserer Wohnung möchten wir eine Wand streichen, denn es ist uns wichtig, dass wir uns zu Hause wohl fühlen. Wir wollen dort Kraft schöpfen, um gesund zu bleiben und auf Arbeit leistungsfähig zu sein. Wir wollen aber auch mal Freunde einladen und die Wohnung soll unsere Person repräsentieren. Aus diesen Gründen fahren wir mit dem Auto in den Baumarkt und stehen vor dem erschlagenden Angebot an Wandfarben. Wir checken die wichtigsten Kriterien: Die Farbe soll nicht giftig ausdünsten, der Preis soll der Größe unseres Geldbeutels entsprechen, die Farbgebung soll nicht zu langweilig sein aber auch nicht zu aufregend - irgendwie soll die Farbe zu uns passen. Ziemlich viele Ansprüche an eine Farbe. Nach anderthalb Stunden haben wir uns endlich entschieden, fahren zurück nach Hause, tragen den Plastikeimer in unsere Wohnung und beginnen die Wand zu streichen. Nachdem wir die Hälfte der Fläche bearbeitet haben, fällt uns auf, dass die Wahl nicht die Richtige war. Wir finden die Farbe zu blass und fahren zurück in den Baumarkt, um eine neue zu kaufen. Diesmal eine kräftigere, mit mehr chemischen Inhaltsstoffen für mehr Farbintensität. Wir packen den Eimer ein, karren ihn nach Hause, streichen mit der Farbe die Wand und sind erstmal zufrieden. Doch ein paar Wochen später entdecke ich in einer Zeitschrift die neue Trendfarbe „Veilchenblau“. Ich muss sie einfach haben. Meine freien Tage nutze ich und fahre direkt in den Baumarkt, kaufe genau diese Farbe und streiche damit unsere Wand. „Prima, genau wie ich es mir vorgestellt habe!“, sage ich als mein Freund zur Tür rein kommt. „Spinnst du!“ schreit er mich an. „Bist du völlig übergeschnappt?“ - ihm gefällt die Wandfarbe nicht und ein überdimensionaler Streit entfacht. Am Wochenende fährt er in den Baumarkt, kauft super deckendes Mega-weiß und streicht damit die Wand an. Drei Tage später blättert Stück für Stück die Farbe von der Wand, weil einfach zu viele Farbschichten verschiedener Hersteller übereinander gestapelt wurden. „Raufasertapete ist sowieso blöd.“, einigen wir uns und tapezieren die Wand mit einer modernen Vlies-Tapete. In der ganzen Angelegenheit sind wir fünf mal mit dem Auto zum Baumarkt gefahren, haben vier verschiedene Eimer Farbe gekauft und vier Rollen Tapete. Dazu haben wir zwei Packungen Kleister verbraucht und angeschafft, was man an Werkzeugen und Utensilien braucht. Weiterhin haben wir vier große Plastikeimer Müll produziert, vier Liter Farbreste entsorgt, zwei große blaue Müllsäcke mit Tapetenresten zum Wertstoffhof gefahren und vor lauter Stress endlos viel Kaffee getrunken, zahlreiche Schokoriegel verputzt sowie einen der leeren Eimer mit Kippen gefüllt. Tja! Die ganze Angelegenheit ist uns völlig aus dem Lot geraten und wir haben dabei nicht wirklich bedacht, dass all das produziert und entsorgt werden muss. Das ist nur ein „kleines“ Beispiel aus einem einzigen Lebensbereich. Wenn ich das weiter denke, ist mir völlig klar, dass bei 7,6 Milliarden Menschen, die im Jahr 2018 auf der Erde gelebt haben, irgendwann mal Schluss mit lustig und Schluss mit den Ressourcen ist.
Doch mit welchem Preis bezahlen wir diesen Luxus wirklich?
Unser finanzieller Wohlstand beruht auf dem Wirtschaftsfaktor Wachstum. Das bedeutet, um den Wohlstand aufrecht zu erhalten muss konsumiert werden. Gleichzeitig hungern laut Global Citizen 795 Millionen Menschen. Achtundneunzig Prozent dieser Menschen leben in Ländern, aus denen wir die meisten unserer Rohstoffe beziehen oder viele unserer Produkte unter widrigsten Bedingungen herstellen lassen.
Ist das fair?
Und ist es möglich, dass wir den Bezug dazu verloren haben?
Kommen wir zurück zu dem Beispiel mit der Wandfarbe und beziehen es auf die Theorie von Dr. Ha Vinh Tho.
Die erste Krise, die er in seinem Buch „Grundrecht auf Glück“ im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum und dem hemmungslosen Konsum beschreibt, ist die ökologische Krise. Sie beinhaltet die Entfremdung von Mensch und Natur. Er sagt: „Wir leben, als hätten wir eineinhalb Planeten zur Verfügung.“ Wir fahren fünf mal mit dem Auto zum Baumarkt, verbrauchen Benzin verschmutzen die Luft und kaufen eine Dispersationsfarbe, die zu großen Teilen aus den Rohstoffen Erdöl und Erdgas besteht und zu deren Herstellung in Fabriken Syntheseharze, Monomere und Konservierungsmittel, Entschäumer, Verlaufsmittel und Stabilisatoren eingesetzt werden. Abfälle fallen bei der Produktion und bei der Verpackung an. Für die Natur ist das kein Pappenstiel. Dass uns das auf den ersten Blick nicht sonderlich interessiert, könnte daran liegen, dass unsere lebendige Verbindung zur Natur gekappt ist.
Während die Erde in alten Kulturen als lebendiges und beseeltes Wesen verehrt wurde, beschreibt das heutige naturwissenschaftliche Weltbild die Erde als reine Materie. Ob die Natur und alles was in ihr vorkommt eine Seele besitzt, bleibt weitestgehend außer Acht.
Die zweite Krise ist die ethisch-wirtschaftliche Krise, welche die Entfremdung der Menschen voneinander darstellt. Vinh Tho meint damit hauptsächlich, dass die stärksten und mächtigsten Nationen sowie Unternehmen zu ihren eigenen Gunsten und auf Kosten anderer mehr als nötig beanspruchen. In unserem Wandfarben-Beispiel findet sich dieses Phänomen in kleiner, persönlicher Form wieder, denn die Vorstellungen und Wünsche der Partner°in wurden bei der Entscheidung nicht berücksichtigt. Ob die Dämpfe in den Fabriken für die Arbeiter°innen gesundheitsschädigend sind, ist unklar.
Als dritte Krise ist die spirituell-existenzielle Krise zu nennen. Sie beschreibt die Entfremdung vom eigenen Selbst. Auf dem Weg zur Freiheit des Individuums haben wir laut Dr. Ha die Verbindung zur inneren tieferen Dimension des Seins verloren und beschränken uns in der Folge hauptsächlich auf das Erreichen eines äußeren Fortschritts. Die Farbe der Wand bekommt dadurch eine immense Wichtigkeit. Die Dinge, die wir anhäufen, sollen die Leere in uns füllen, doch sie können uns keinen Sinn für unser Leben vermitteln. Die Folge davon ist, dass wir uns umgeben von all den vielen Sachen einsam, verloren und sinnlos fühlen.
Die vierte und letzte Krise ist die Führungskrise, welche die Entfremdung vom Gemeingut meint. Demnach beschränken sich politische Bestrebungen hauptsächlich auf einen Kampf um Macht. Politiker°innen versprechen, was die Wähler hören wollen und erfüllen davon nur im nötigsten Umfang das, was für eine Neuwahl relevant ist. Im Baumarkt kämpfen die Farbanbieter°innen gegeneinander um die Führung des Marktes. Sie schreiben auf ihre Verpackungen, was die Verbraucher°innen hören wollen, auch wenn das Produkt nicht wieder gekauft wird, weil es nicht hält was es verspricht. Ich persönlich sehe noch eine weitere Entfremdung als Ursache für Unzufriedenheit und das ist die Entfremdung von den Dingen, die wir besitzen, aufgrund von Mangel an persönlichem Bezug.
Verbraucher°innen haben oft keine Ahnung, wo und von wem das, was sie kaufen, hergestellt wird. Sie wissen nicht, wo die Materialen wachsen, wie sie gewonnen werden und welchen Weg sie gehen. Das liegt daran, dass Unternehmen unüberschaubare Größen annehmen und häufig in weit entfernten Ländern produziert wird oder Produktionsketten vollkommen mechanisiert sind. Das Gemüse, was wir im Supermarkt kaufen, hat letzten Endes nichts mit der Bäuerin in karierter Bluse zu tun, die auf dem Werbeplakat mit einem Korb voll frischem Gemüse zu sehen ist. Wir wissen mittlerweile, dass diese romantische Vorstellung eine Utopie ist und fühlen uns verarscht. Vor 150 Jahren kannte man den/die Bauer°in noch, der/die das Gemüse angebaut hat und den/die Schuster°in, der/die die Schuhe gemacht hat.
Diese Denkweise mag rückwärts gewandt sein, aber trotzdem war es damals so, dass die Menschen einen Bezug hatten, der uns heute fehlt. Kein Wunder, dass der Großteil der westlichen Bevölkerung heute keine Lust hat die Hose oder das Handy zu reparieren, stattdessen wird es in den Müll geworfen. Ja, wir haben auch hier die Verbindung verloren. Doch einige Konsument°innen fordern mittlerweile Transparenz ein. Es gibt eine Bewegung namens LOHAS. Die Abkürzung steht für Lifestyle of Health and Sustainability. Gesundheit und Nachhaltigkeit sollen in diesem Lebenskonzept im Mittelpunkt stehen, auf welchen alle Handlungen ausgerichtet und unter dem Begriff „Strategischer Konsum“ zusammengefasst werden. „Mit uns kann nur Geschäfte machen, wer nachhaltig und fair produziert.“ Laut den Autor°innen des Artikels „Kritischer Konsum: Kann Einkaufen die Welt verbessern?“ von Johanna Romberg und Thomas Ramge, welcher in der GEO Nr. 12/08 erschienen ist, erreicht diese Konsument°innen nur, wer ihnen Fakten bietet, die ebenso verständlich wie vertrauenswürdig erscheinen. Weiterhin wird in dem Artikel beschrieben, dass es hauptsächlich um einen bewussten Umgang mit Nahrungsmitteln, Konsum, Wohnen und Reisen geht, wenn man davon ausgeht, dass Verbraucher°innen mit ihrem Konsumverhalten die „Welt verbessern“. Doch wie werden wir zu entsprechend vorbildlichen Konsument°innen? Möglicherweise durch das Kultivieren bewusster Entscheidungen. Und dazu bedarf es eines Bewusstseins über das eigene Handeln gepaart mit einem umfangreichen Wissen. Ersteres können wir womöglich erreichen, indem wir mittels Yoga, Meditation und Übungen zur Förderung von Achtsamkeit unseren Geist beruhigen und unsere Fähigkeit stärken, klar und fokussiert zu handeln. Ich beobachte, dass in Bioläden und anderen Geschäften, in denen Wert auf Nachhaltigkeit gelegt wird, immer auch unzählige Anzeigen für Meditations- und Yogakurse veröffentlicht sind. Daraus schließe ich, dass nachhaltiger Konsum und Training der Achtsamkeit in Verbindung miteinander stehen. Ich selbst habe in diesem Zusammenhang eine Erfahrung gemacht, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Beim Praxistag des MBST (Mindfulness-Based Student Training) Kurses der Bauhaus-Universität Weimar bereiteten wir ein Brunch vor. Jeder hatte etwas mitgebracht. Und die Aufgabe lautete: „Wenn du isst, tue dies bewusst. Wer war alles daran beteiligt, dass du nun in den Genuss dieses Lebensmittels kommst …“ An dieser Stelle wäre mir meine Mandarine beinahe im Hals stecken geblieben. Bedeutet also eine Mandarine (oder alles andere) bewusst zu essen, diese Aspekte auf dem Schirm zu haben? Ja, dann fällt es mir bei einem Großteil der Lebensmittel aus dem Supermarkt sehr schwer, diese zu genießen. Dann klebt plötzlich auch an veganen Speisen Blut. Vorausgesetzt natürlich, man weiß, wo das Produkt her kommt. Weiß man es nicht, so wird man fragen müssen, wo es herkommt, um es bewusst genießen zu können und so wird man unter Umständen vom Einsatz von Pestiziden, der Ausbeutung von Landwirten, Abholzung der Wälder im Amazonas, Trinkwassermangel aufgrund von landwirtschaftlichem Anbau und ähnlich Erschütterndem erfahren. Diese Erfahrung verdeutlicht, dass Achtsamkeit nicht nur zu uns selbst sondern auch zum Interesse an Fakten führt. Da zunehmend mehr Menschen diesen Weg gehen, wollen immer mehr Menschen etwas wissen und wenn immer mehr Menschen etwas wissen wollen, lesen sie mehr und wenn sie mehr lesen, wird mehr geschrieben und so weiter. Und das ist kein theoretisches Konstrukt. Auf utopia.de aber auch auf vielen anderen Internetseiten sowie in Zeitschriften gibt es zahlreiche Artikel, die thematisieren, welche Lebensmittel der Umwelt schaden, welche Kosmetika bedenklich sind und welche Labels faire Mode produzieren. Bei Avocadostore dürfen ausschließlich Hersteller ihre Waren anbieten, die bestimmte Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllen. Man erhält viele Informationen über die Materialen und ihre Verarbeitung, kann allgemein gültige Definitionen nachlesen und die einzelnen Unternehmen, sogar ihre Mitarbeiter kennenlernen. Es gibt auf der Seite aber auch einen Reiter Gesundheit und Yoga, was ein weiterer Hinweis darauf ist, dass diese Themen verlinkt sind und sie sich aufgrund von großer Nachfrage ausbreiten. Eine Befragung des BDY (Bund Deutscher Yogalehrer) hat ergeben, dass aktuell fünf Prozent der Deutschen Yoga praktizieren. Viele tun es entweder, um ihr allgemeines körperliches oder geistiges Wohlbefinden zu steigern oder um im Speziellen das Befinden bei Stress zu verbessern. Bereits erwähntes MBSR-Training zielt auf die Reduzierung von Stresszuständen. Ausgeschrieben heißt es Mindfulness-Based Stress Reduction. Dieses spezielle Programm wurde von dem Molekularbiologen John Kabat-Zinn in den späten 1970er Jahren in den USA entwickelt und basiert auf meditativen Praktiken. Ursprünglich wurde es zur Behandlung von Patient°innen mit chronischen Schmerzen entwickelt doch mittlerweile findet es vielfältig Anwendung. Zum Beispiel im Rahmen des Modellprojektes „Achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft”. Der achtwöchige MBST-Kurs kann von Studierenden und Lehrenden beispielsweise der Uni Jena besucht werden. Zwanzig Minuten Übung am Tag sollen helfen, das soziale und ethische Verhalten zu verbessern und den Umgang mit Konflikten zu schulen. Darüber hinaus soll das Stress-Level nachweislich reduziert werden. Unsere Gewohnheiten, auch was den Konsum betrifft, sind über einen langen Zeitraum antrainiert und somit tief in unserem Verhalten verwurzelt. Wollen wir etwas an Ihnen verändern, bedeutet das harte Arbeit. Nachgewiesener Maßen gelingt uns das am Leichtesten, wenn wir entspannt sind. Stehen wir unter Stress, handeln wir nach bekannten Mustern. Das bedeutet: wenn MBSR, Yoga und Meditation zu Entspannung führen, haben wir auf dieser Grundlage überhaupt erst die Möglichkeit, uns im entscheidenden Moment anders zu entscheiden als sonst. „Achtsamkeit ermöglicht kompetentes Handeln im Einklang mit den persönlichen Überzeugungen.“ Davon ist auch das Projekt BiNKA – Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining überzeugt. Die BINKA ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes inter- und transdisziplinäres Forschungsverbundprojekt, welches den Herausforderungen des nachhaltigen Konsums mit einer Verbindung aus Achtsamkeit und Bildung begegnen möchte. Innerhalb eines dreijährigen Forschungsprojekts ist ein Toolkit mit einer Vielzahl von Ideen und Anregungen für Lehrer°innen, Ausbildende und andere pädagogisch Tätige entstanden. Die Übungen sind von den Prinzipien der buddhistischen Psychologie abgeleitet und haben, ähnlich wie das MBSR Training weder religiösen noch esoterischen Ursprung. Ein Bestandteil des Kits ist die Jeansreise, eine Meditation, in der die Herkunft unserer Kleidung thematisiert wird. Nach der Fokussierung des Atem wird sanft zum Thema hingeführt indem die Aufmerksamkeit zum Kontakt zwischen Haut und Kleidung gelenkt und über die Qualität der Empfindung zur Herkunft der Kleidung übergeleitet wird. Unter Berücksichtigung des gesamten Herstellungsprozess wird nach den Gefühlen gefragt: Spürst du Dankbarkeit und Mitgefühl oder vielleicht Zorn und Scham oder etwas ganz anderes? Ich habe die angeleitete Meditation online gemacht und es ging mir dabei, ähnlich wie beim bewussten Essen, durch Mark und Bein. Ein Gefühl von Traurigkeit hatte mich ergriffen, aber auch Mitgefühl und Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich auf diese Weise einen Sachverhalt reflektieren konnte, der mich im wahrsten Sinne des Wortes täglich berührt. Der tibetische Ausdruck für Meditation ist „gom“ und bedeutet so viel wie „sich vertraut machen“. Meditation stellt eine Form dar, in der ich mich vertraut machen kann, ohne mich schuldig zu fühlen. Freundlichkeit ist ein wichtiger Aspekt der Achtsamkeit. Diese ermöglicht es, ein Fehlverhalten anzuerkennen und es in Folge dessen verändern zu können.
Mensch sein ist ein Prozess, eine Entwicklung und ein Weg. Wir gestalten uns und unsere Umwelt an jedem Tag und das Streben nach Glück und Wohlbefinden setzt dabei einen wichtigen Maßstab. Aristoteles sagt: „Glück ist das letzte Ziel allen menschlichen Handelns.“ Im Endeffekt geht es um das große Ganze. Kommen wir den Herausforderung der Entfremdung mit einem klaren Kopf, Bildung, Güte und dem Ziel, allen Menschen zum Glück zu verhelfen, entgegen, dann messen wir möglicherweise zukünftig weltweit den Wohlstand am Bruttonationalglück statt am Bruttoinlandsprodukt. Das würde sicher allen Lebensformen der Erde zu Gute kommen. Jedoch ist es noch ein weiter Weg dahin.
Es lässt sich nicht abstreiten, dass es im Zusammenhang mit der Mindfulness-Bewegung auch zu Missbrauch und Missverständnissen kommt. So gehört die Yoga- und Pilatesbranche in den USA mit jährlich 10,3 Milliarden Dollar Umsatz auf Yoga-Kurse, Zubehör, Kleidung, Reisen und Medien zu den zehn am schnellsten wachsenden Geschäftsfeldern. Auch wenn einige der Brands wie die deutsche Firma Lotuscrafts als gute Vorbilder voran gehen, indem sie Wert auf Nachhaltigkeit legen und Teil einer Veränderung sein wollen, die Verbesserung verspricht, profitieren auch die großen Ketten und Discounter vom Boom des Kultes. Auch manche Konsumenten verstehen Yoga in meinen Augen falsch und denken, es geht um die Darstellung des perfekt geformten Körpers in der anspruchsvollsten Pose, verpackt im heißesten Yoga-Outfit vor der traumhaftesten Kulisse auf Instagram. Das ist er sicher nicht, der Weg in eine bessere Welt.
Lange Zeit haben genau diese Tatsachen mich an Yoga und Meditation abgeschreckt. Wenn ich genauer hinschaue, sehe ich trotzdem eine Hoffnung und denke, es ist gut, wenn die Praktiken vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Derzeit gibt es zwar einen großen Hype aber nichtsdestotrotz sind es nach Angaben des BDY überwiegend Personen mit höherer Schulbildung sowie Beamte und Angestellte, die Yoga praktizieren. Laut Prof. Dr. Nick Lin- Hi können ein Drittel der westlichen Konsument°innen zu der Gruppe der LOHAS gezählt werden, wobei die meisten von ihnen über eine überdurchschnittliche Bildung und ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen. Glücklich sein wollen jedoch alle Lebewesen und ich wünsche mir, dass wir dieses Ziel erreichen können. Ich denke, Achtsamkeit kann dazu beitragen. Und wenn wir mehr davon in unseren Alltag etablieren, dann brauchen wir in Zukunft möglicherweise nur noch einen Eimer Farbe entweder weil wir uns bewusst entscheiden können oder weil jede Farbe, die es zu kaufen gibt, qualitativ hochwertig ist. Außerdem schmeckt der Milchkaffee nicht mehr so gut, wenn wir wissen, was daran hängt und die ungesunden Zigaretten sowieso nicht.

Quellen

(1) BDY (2018). Yoga in Zahlen Verfügbar unter: https://www.yoga.de/site/assets/files/2433/bdy_yoga_in_zahlen_2018-02-09.pdf. Zugriff am 19.02.2020

(2) Hess, W. (1997). Ressourcen – was ist das überhaupt?. Verfügbar unter: https://www.wissenschaft.de/allgemein/ressourcen-was-ist-dasueberhaupt/. Zugriff am 14.02.2020

(3) Jacomo, F., Daniel, F., Tina, B. & Paul, G. (2018). Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeit Toolkit #9. ISBN 978-3-88864-559-4

Kecker, M. (2019). Beeck‘sche Farbwerke GmbH + Co. Verfügbar unter: http://www.malerkecker.de/wandfarben.pdf. Zugriff am 16.02.2020

(4) Lin-Hi, N. (2018). LOHAS Ausführliche Definition im Online-Lexikon. GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON. Verfügbar unter: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/lohas-53809/version-276876. Zugriff am: 14.02.2020

(5) Neef, M. (1990). Modell menschlicher Grundbedürfnisse. Verfügbar unter: https://www.gluecksarchiv.de/inhalt/grundbedarf.htm. Zugriff am 14.02.2020

(6) Regenthal, G. (1983). Sozialorientiertes Design. Institut für soziales Design. Verfügbar unter: http://sozialesdesign.org/artikel/regenthal01.html. Zugriff am 14.02.2020

(7) Romberg, J. & Ramge, T. (2008). Kritischer Konsum: Kann Einkaufen die Welt verbessern?. GEODer kluge Konsum. Nr. 12/08

(8) Vinh Tho, H. (2014). Grundrecht auf Glück: Bhutan Vorbild für ein gelingendes Miteinander. F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München. Nymphenburger. ISBN 978-3-485-02817-2