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Umdenken – Zeit als Ressource

Anne Schindler

Ein Wachstum wie es in den vergangenen Jahrzehnten vorgekommen ist, wird es so nicht mehr geben, da sind sich viele Wissenschaftler und Ökonomen einig. Wachstum wird auf Grund vieler Faktoren problematisch, die Verknappung der Ressourcen und damit der Anstieg des Erdölpreises, die steigenden Kosten der Umweltbeeinträchtigung durch industrielle Produktion, also der Klimawandel und die zunehmende Verschuldung als Mittel mit dem das Wachstum in den vergangenen Jahrzehnten angekurbelt wurde. (ARTE, Robin M., 2014, 2:30’) Ein schwindelerregendes Konsum- und Mobilitätsniveau und ein energiehungriger Lebensstil auf Basis einer Globalisierung und deren endlosen, überregionalen Fremdversorgungsketten und unbeherrschbaren Verflechtungen macht uns Menschen abhängiger und damit verletzlicher als je zuvor. Die politischen Entscheidungsträger sehen sich nicht in der Lage hier etwas zu verändern. Die Frage ist, was können wir tun? Allein dem technischen Fortschritt zu vertrauen wäre fatal, denn neue Technologien wirken zunächst additiv, wenn nicht zeitgleich Industrien zurückgebaut werden und belasten somit ebenso und im gleichen Maße die Umwelt. (Paech, 2012:71–75) Wie können wir unseren Lebensstil also verändern, uns resilienter machen, unabhängiger von der konsumgesteuerten Fremdversorgung und damit unabhängiger von einer monetären Entlohnung. Wie können wir unsere Lebensweise ökologischer gestalten und was brauchen wir dafür? ‚ Können wir unserer Arbeit als Gestalter°innen so nachgehen wie bisher? Wenn wir weiterhin 40 Stunden die Woche unserem Designberuf nachgehen, haben wir dann überhaupt die Zeit unseren Lebensstil zu verändern. Geht eine konsum-, energie- und mobilitätsärmere und damit ökologischere Lebensweise mit einem erhöhten Zeitaufwand außerhalb unserer standardisierten Arbeitszeiten einher? Ist die 40-Stunden-Woche noch zeitgemäß?
Ein weitere wesentliche Frage in diesem Zusammenhang ist: Sind wir bereit die Konsequenzen für einen nachhaltigeren Lebensstil zu tragen, sind wir bereit auf einen großen Teil unseres Wohlstandes und unserer lieb gewonnenen Gewohnheiten zu verzichten – der Großteil der Menschen ist es wahrscheinlich nicht. »So erzählen uns Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unbeirrt das Märchen vom […] »entkoppelten« […] oder »grüne[n]« Wachstum.« (Paech, 2012:72) Nachhaltige Technologien, Produkte und Innovationen sollen also zwei Dinge mit einem Mal klären, einerseits die Ökologie schützen und andererseits den Menschen keine Zurückstellung ihrer Ansprüche, sprich keinen Verzicht zumuten, aber ist das überhaupt möglich?

Das »grüne« Wachstum geht nicht auf

»[…] All diese Konzepte des grünen Wachstums, des technischen Wandels […] sind nicht nur einfach gescheitert, indem sie es nicht vermocht haben die Ökosphäre zu entlasten«, sagt Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler, Wachstumskritiker und Verfechter der Postwachstumsökonomie, »[…]viele dieser Versuche einer technischen Entlastung der Ökosphäre ohne uns eine Reduktion zuzumuten, […] haben sogar […] mehr oder zusätzliche ökologische Schäden verursacht.«. (Werkstatt Zukunft, 2015, 7:30’)
Eine Entkopplung, also eine Senkung der ökologischen Belastung bei tendenziell sinkendem Bruttoinlandsprodukt (relative Entkopplung) oder gleichzeitiger Zunahme des Bruttoinlandsprodukt, was einer absoluten Entkopplung entspräche, ist schlicht nicht möglich. Es wird unterschieden in stoffliche Entkopplung, also erhöhte Ressourcenproduktivität, zum Beispiel das »Drei-Liter-Auto« und in Entkopplung was der »ökologischen Konsistenz« entspricht, gemeint sind hier geschlossene Kreisläufe und regenerative Energien, so zum Beispiel das kompostierbare T-Shirt oder das Passivhaus. (Paech, 2012:71–75)
Grund für ein Scheitern des »grünen« Wachstums, sind sogenannte Rebound-Effekte. Rebound- Effekt bedeutet, dass das Problem nicht, wie angenommen, gelöst wird, sondern sich verschärft. So zum Beispiel wird bei der Energiesparlampe gesparte Energie in höheren Verbrauch umgewandelt. ›Wieder vergessen das Licht auszuschalten? – Ist ja kein Problem, ist ja eine Energiesparlampe.‹ Rebound-Effekte werden in drei Effekte unterschieden, die ich im Folgenden nur auszugsweise vorstellen möchte: materielle, finanzielle und psychologisch/politische Rebound-Effekte. Der materielle Rebound-Effekt: Zusätzliche Effizienz und Konsistenzmaßnahmen sind niemals immateriell, ein zunehmender Innovationsgrad beispielsweise bedeutet immer ein Umrüsten von Produktionsanlagen und ein Zusätzliches an Infrastrukturen. Passiv-Häuser sind bspw. immer noch eine Besonderheit im Bausektor, sodass hier zusätzlich zum konventionellen Bereich der Baubranche eine neue Marktstruktur entsteht. Es wird also nicht zeitgleich alte Infrastruktur und Produktion zurückgebaut, es entsteht lediglich ein Zusätzliches an Möglichkeiten und Konsum. Innovationsrisiken wie ökologische und gesundheitliche Schäden zählen ebenso zu den materiellen Rebound-Effekten wie die Verlagerung ökologischer Probleme. Die zeitliche Verlagerung beispielsweise – was passiert mit den Mengen an Photovoltaik- Anlagen in 20 Jahren, wenn sie verschrottet werden müssen? Die mediale oder systematische Verlagerung, bei der erneuerbare Energieträger und damit die weniger CO2-intensivere Elektrizität mit Flächenverbrauch, Eingriff in die Biodiversität und Verlust an landwirtschaftlicher Ästhetik erkauft werden. Die materielle Verlagerung, bei der der immense Verbrauch an Ressourcen früher oder später zu einem Knappheitsproblem führen wird. Die räumliche Verlagerung, bei der umweltintensive Bestandteile von Versorgungsketten ins Ausland verlagert werden (einem Merkmal von globalisierten Versorgungsstrukturen). Manche umweltintensiven Produkte wie IT-Endgeräte werden gar nicht erst in Deutschland produziert. Der finanzielle Rebound-Effekt: Effizienter verwendete Inputs (bspw. ein Passiv-Haus, welches weniger Strom verbraucht) und damit verringerte Kosten führen zu zusätzlichen Einnahmen und damit höherer Kaufkraft was schlussendlich in vermehrten Ausgaben mündet. Der psychologische und politische Rebound-Effekt. Eine relative Entkopplung, also das grüne Wachstum wird als politischen Erfolg dargestellt. Auf politischer Ebene werden beispielsweise Passivhäuser angepriesen, um weitere Ausweisungen von Baugebieten zu rechtfertigen, das heißt eine zusätzliche Belastung der Ökosphäre wäre ohne den legitimierten Effekt der relativen Entkopplung nicht eingetreten. Auf individueller Ebene bedeutet das, dass das Bewusstsein um Konsumobjekte mit relativ geringen Umweltschäden aus individueller Sicht eine verstärkte Nutzung rechtfertigen kann. (Paech, 2012:75ff)
Wenn also nachhaltige Technologien oder grünes Wachstum, schlicht undenkbar sind, können dann allein Lebensstile nachhaltig sein? Eine nachhaltige Entwicklung benötigt soziale Gerechtigkeit im globalen Maßstand innerhalb ökologischer Grenzen. Alle zivilen Nationen haben sich dazu entschlossen, das 2°C-Klimaschutzziel einzuhalten. Dies umfasst ein weltweites Kontingent von 750 Mrd. t CO2 bis 2050. Das entspricht einem mittleren CO2-Verbrauch von 2,7 t pro Mensch pro Jahr. Bei einem durchschnittlichem Pro-Kopf-CO2-Verbrauch von 11 t in Deutschland bedeutet das bis dahin eine notwendige Senkung um etwa 80 % und damit einer drastischen Anpassung unserer Lebensweisen. Flugreisen mit Pro-Kopf-CO2-Ausstößen von bspw. 4 t bis New York oder 14 t bis Neuseeland, egal ob geschäftlich oder privat, müssen zur Seltenheit werden. Mit Biofood und nachhaltiger Kleidung können wir das nicht mehr ausgleichen. Eine nachhaltige Entwicklung impliziert also nicht nur Genügsamkeit, sondern ist auch immer ein Projekt der Sesshaftigkeit. (Werkstatt Zukunft, 2015, 8:30’) Nachhaltigkeit benötigt von unserer Seite Verzicht, einen Verzicht in allen Bereichen des Konsums.

Suffizienz – Genügsamkeit

Die Postwachstumsökonomie von Niko Paech ist ein mögliches Konzept für eine Wirtschaft ohne Wachstum. Seine Theorie fusst auf 4 Stufen der Reduktion: die Suffizienz, die Subsistenz, die Regionalökonomie und die globale Arbeitsteilung. Auf die ersten beiden Stufen, also die Suffizient und die Subsistenz, möchte ich in meinem Text näher eingehen, denn sie bilden das Fundament einer Postwachstumsökonomie. (Paech, 2012:114)
Der Bestseller »Magic Cleaning« von Marie Kondo zählt Millionen verkaufte Exemplare. ›Behalte ein Teil nur, wenn es dich glücklich macht‹, wird in ihrem Buch propagiert. Entrümpeln ist zum Trend geworden. Wir scheinen uns danach zu sehnen, weniger zu besitzen. Viele Menschen fühlen sich mittlerweile von ihren Dingen erdrückt. (Böker, Faible, 2019) Dabei macht Konsum doch vermeintlich glücklich? 10.000 Dinge besitzt jeder Deutsche im Durchschnitt. (Paech, 2012:129) Die Höhe der Konsumausgaben privater Haus-halte in Deutschland hat sich von 1991 bis2018 verdoppelt. 2018 betrugen die privaten Konsumausgaben in Deutschland 1.744 Milliarden Euro. (Statistisches Bundesamt, 2019) Die moderne Konsumforschung sagt, um Glück und Zufriedenheit beim Kauf eines Objektes zu empfinden, benötigen wir Zeit, denn Genuss braucht Zeit. Flüchtigkeit, Zeitknappheit, Stress ist der Todfeind des Genusses. (Werkstatt Zukunft, 2015, 13:15’) Das heißt, vermehrter Konsum bedeutet mehr Zeit. Da Zeit begrenzt ist und mittlerweile in unserer Gesellschaft zum Engpassfaktor geworden ist, führt das dazu, dass immer weniger Zeit pro Konsumobjekt aufgewendet werden kann und die knapper werdende Zeit auf steigende Konsumaktivitäten trifft. Die Menge an Wahlmöglichkeiten, zu verarbeitenden Neuheiten und Informationen, die uns auf digitalen und analogen Ebenen permanent zugespielt werden ist enorm und steigt kontinuierlich. Wir landen in einem Strudel in dem wir nur noch Zeit dafür haben die Konsumobjekte rauszusuchen, zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegenzunehmen, unterzubringen und dann womöglich nicht zu nutzen, weil uns schlicht die Zeit fehlt, da wir sie mit den zuvor genannten Tätigkeiten schon aufgebraucht haben. Dann wird von Zeitmanagement gesprochen, damit wir uns noch besser optimieren können im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung. Diese Entwicklung führt unweigerlich zu einer Eskalation, in welcher dem reizüberfluteten Individuum völlige Überforderung und Erschöpfung droht, was am Ende nicht im Glück sondern im Burnout endet. (Paech, 2012:126-130)
Suffizienz, oder auch Genügsamkeit als erste Stufe der Reduktion – Rückkehr zu einem überschaubaren Maß. Die Reduktion auf ein Konsumniveau, welches verantwortbar ist und nicht überfordert bedeutet Reduktion von dem, was uns die Zeit raubt – die Konsumobjekte selbst. Eine überschaubare Anzahl an Optionen bedeutet, dass wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit vollständig auf die wenigen Dinge konzentrieren können. Weniger zu besitzen bedeutet auch, sich um weniger kümmern zu müssen. Weniger zu benötigen bedeutet, weniger angreifbar zu sein, weniger abhängig zu sein von Geld und Erwerbsarbeit, angstfreier zu sein. (Paech, 2012:130) Die Befreiung von überflüssigen Dingen, vom Überfluss, von allem was wir vermeintlich brauchen, macht uns resilienter, also widerstandsfähiger.
Der Finanzierung eines immer höheren materiellen Lebensstandards liegt eine stetige Maximierung der Erwerbsarbeit zu Grunde. Mehr Zeit wird dafür aufgewendet noch mehr zu arbeiten, effektiver zu arbeiten um schlussendlich mehr konsumieren zu können. Dadurch fehlt auch die Zeit für marktfreie, früher in Eigenarbeit ausgeführte Tätigkeiten wie die Haushaltspflege, die Pflege des Gartens, Kindererziehung, soziales Engagement. Diese Dienstleistungenwerden mangels Zeit konsumiert, müssen finanziert werden was die entlohnte Arbeiterhöht und somit auch Zeit kostet. Dieser Punkt führt uns zur zweiten Stufe der Reduktion, der Subsistenz.
Subsistenz als Antwort auf konsumgestützte Fremdversorgung.
Bei der Subsistenz geht es darum, materielle Produktion durch soziale Beziehungen und eigene produktive Leistungen zu substituieren, also zu ersetzen. Unsere momentane Lebensweise beruht fast ausschließlich auf konsumgestützter Fremdversorgung. Eine Reduktion des Fremdversorgungsgrades verkürzt Produktionsketten und verringert die Abhängigkeit von monetärem Einkommen. (Paech, 2012:120) Gleichzeitig stärkt es die lokale Gemeinschaft.
Es gibt drei Outputkategorien urbaner Subsistenz. Die Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung: Objekte wie Rasenmäher, Schleifmaschinen, Autos und Waffeleisen können durch die Verwendung mehrerer Parteien intensiver genutzt werden, ohne dass wir dabei auf innovative, technische Eigenschaften verzichten müssen. Die Produktion dieser Objekte könnte damit zurückgefahren werden. Die Verlängerung der Nutzungsdauer: Durch die Instandhaltung, Pflege und Reparatur von Gütern, können wir Objekte möglicherweise im Durchschnitt doppelt so lange nutzen, was zu einer Halbierung des Bedarfs führen und damit den Rückbau von Industriekapazitäten ohne einem Verlust an Konsumfunktionen bedeuten würde. Die Eigenproduktion (Hausgärten, Gemeinschaftsgärten, Dachgärten): Die Eigenproduktion ist der wohl bedeutendste Bereich der Subsistenz. Dessen Kollaps, das Ausbleiben der Nahrungsmittelversorgung, würde unweigerlich zur Überlebensfrage werden. Durch die enorme Mineralölabhängigkeit, die konventionellen Wertschöpfungsketten des Lebensmittel- und Agrarsektors und die damit einhergehenden ökologischen Schäden entspräche eine (auch nur teilweise) Substitution einem enormen Entlastungseffekt. (Paech, 2012:120-125)
Weitere Subsistenzpraktiken sind auch künstlerische /handwerkliche Leistungen, die kreative Wiederverwertung von ausrangierten Möbelstücken oder selbstgebaute Möbel zum Beispiel. Auch lokale Netzwerke und Nachbarschaftshilfe, wie bspw. nebenan.de entspricht einem Leistungsaustausch auf lokaler Ebene.
Das Fundament der Postwachstumsökonomie ist, dass Konsumenten zu Prosumenten werden, zu Nutzer°innen, die ökonomische Souveränität erlangen. Mittels eigener, substanzieller, manueller und sozialer Kompetenz werden Industrieproduktionen mit kreativen Subsistenzpraktiken ersetzt, die keine Wachstumszwänge hervorrufen und mit nur wenig Fremd- oder Eigenkapital auskommen. Prosumenten sind keine kommerziellen Unternehmen, die als Anbieter eigentumsersetzenden Service anbieten (wie Carsharing, Leasing-Modelle oder kommerzielle Verleihsysteme) - diese halten das Fremdversorgungssystem aufrecht, wenn auch auf Basis erhöhter Nutzeneffizienz. Prosumenten stehen auch in enger Verzahnung mit der Ökonomie, das heißt die professionellen Aufgaben, die den Prosumenten überfordern, übernimmt die Regionalökonomie (Stufe 3 der Reduktion).
Doch was sind die Subsistenzinputs, was muss aufgebracht werden? Zum einen die handwerkliche Kompetenz sowie Improvisationsgeschick, zum anderen soziale Beziehungen, die für die Gemeinschaftsnutzung substanziell sind und der dritte und wichtigste Input ist die eigene Zeit, die wichtigste und auch knappste Ressource. Hier kommt die Stufe 4 der Reduktion zum Einsatz: die globale Arbeitsteilung. Das bedeutet, die Produktion auf die Hälfte zurückzubauen und umzubauen. Das Arbeitsmodell müsste angepasst werden, sodass eine Reduktion und Umverteilung von Arbeitszeit erleichtert wird. Die Arbeitszeit würde von 40 auf 20 Stunden pro Woche verringert werden. Die weniger monetär entlohnte Arbeitszeit würde dann hinreichend fair verteilt werden. Die frei gewordenen 20 Stunden, als wertvolle Ressource, können dann in Projekte der Vernetzung, der Kooperation, des gemeinsamen Schaffens und Handwerkens fließen. Bei bescheidenerem jedoch annähernd vergleichbaren materiellen Wohlstand würde so das verringerte monetäre Einkommen durch Subsistenz ergänzt. (Paech, 2012:120-125) Im Folgenden möchte ich ein Beispiel vorstellen bei dem ein Wandel der Lebensweise erkennbar ist.

Gemeinschaftsgärten als Beispiel für kreative Subsistenz

In vielen Städten wird inzwischen gegärtnert, brach liegende Baulücken und Stadtteile verwandeln sich in grüne Stadtoasen, Hinterhöfe werden zu Nachbarschaftsgärten – Beispiele kreativer Subsistenz und eine Antwort auf die totale Flexibilität, das globale Denken, dass erwartet wird. Gerade auch junge Generationen wollen sich wieder erden und lokal aktiv sein. (Haeming, 2010) Urban Gardening ist ein Trend, der einst in New York begann. Heute verzeichnet die Stiftungsgemeinschaft Anstiftung, die sich mit der Do-It-Yourself-Bewegung auseinandersetzt, 516 urbane Gärten – die meisten davon in großen Städten wie Berlin oder München. (WDR, 2016)
So auch der Gemeinschaftsgarten Annalinde in Leipzig. Gegründet 2011 bauen inzwischen 30 Hobbygärtner auf der mittlerweile 5500 qm großen Fläche Gemüse und Obst an. Nachdem Gemeinschaftsgarten ist immer mehr dazu gekommen, die Übernahme der alten Gärtnerei in Lindenau, eine Wiese für Obstbäume, der Wochenmarkt und der Café-Wagen. Der Garten findet großen Zuspruch, hier treffen alle zusammen. Der Informatiker, der jetzt für nur noch ein Drittel seines Gehalts für die Annalinde-Gärtnerei arbeitet. Das Architekten-Pärchen, das die Bienenstämme pflegt und davon träumt eines Tages sagen zu können, dass sie den zusätzlichen Auftrag jetzt nicht mehr brauchen, denn sie haben ja jetzt ihre Bienen. Die Erzieherin, die sich ehrenamtlich um das Garten-Café am Wochenende kümmert und der Kunststudent, der jetzt als Pilzzüchter in Teilzeit arbeitet. Alle arbeiten sie zusammen, haben sich organisiert in Arbeitsgruppen, eine für den Anbau, eine für die Tomaten, eine für die Kräuter. Und dabei darf jeder ernten und sich bedienen und am Abend gibt es vielleicht ein gemeinsames Abendessen oder es findet ein Konzert statt und man sitzt zusammen und redet, lacht und lernt unglaublich viel – Gemeinschaft eben. Die Menschen hier genießen das. Es ist auch ein Experiment, sagen sie, wie man teilt, wie man eine Gemeinschaft wird, wie man zusammen kommt. Experimentiert wird auch mit den Kräutern, vom Turmgewächshaus für Basilikum bis zur Lippenpflege mit Bienenwachs und Kräutern der Saison. Hier sind sich alle einig, das neue Phänomen sind nicht die Stadtgärten, sondern die Birnen aus Chile. (anstiftung GmbH, von der Heide, 2016)
Auch der Nachbarschaftgarten e.V. in Leipzig Lindenau verfolgt den Gedanken der Gemeinschaft, der Vernetzung auf lokaler Ebene und schlägt Wurzeln im Hinterhof – sie wollen die Nachbarschaft des Stadtteils aktivieren. Alte Gebäude und Räume nutzen, sie sehen Potential und haben große Pläne, ein Café, Treffpunkt, offene Küche. Im Moment ist der Treffpunkt für alle Nachbarn in der Fahrradwerkstatt, diese ist nicht kommerziell und selbstorganisiert, auch eine Holzwerkstatt wurde bereits eingerichtet mit allem was man braucht, hier kann jedes Mitglied innerhalb der Öffnungszeiten werkeln. Finanziert wird sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden, gearbeitet wird in Eigenarbeit, unentgeltlich. (anstiftung GmbH, Eich, 2010)

Fazit

Auch wir, als Gestalter°innen müssen umdenken. Wichtiger für die Ökosphäre sind, meines Erachtens, nicht Designer°innen, die »grüne« Produkte entwerfen, sondern Designer°innen, die eine »grüne« Lebensweise führen. Dabei möchte ich ökologische Designs, Gestaltungen und Technologien nicht generell in Frage stellen, sie sind auch wichtig und richtig. Aber Kompensationspraktiken sind verführerisch: Der Designprozess des kompostierbaren T-Shirts macht die Flugreise nach New York zur Fashion Week nicht wett.
Die 40-Stunden Woche wird auch für Designer°innen in Zukunft keinen Bestand mehr haben. Auch für Gestalter°innen muss die Reduktion des Konsumverhaltens, Eigenversorgung, Reparatur, Gemeinschaftsnutzung mehr in den Fokus der Arbeitszeit rücken. Auch Gestalter°innen haben die Wahl zu Prosumenten zu werden, die sich nicht in konsumgestützter Selbstverwirklichung verlieren und sich machtlos dem Fremdversorgungssystem hingeben, sondern die Gemeinschaft wiederbeleben und sich statt global zu orientieren wieder schauen, was ihre unmittelbare Region ausmacht. Wenn wir als Gestalter°innen annähernd die Hälfte unserer Arbeitszeit dafür aufwenden, reduzieren wir unseren CO2-Ausstoß und tragen zu einer gesünderen und ökologischen Lebensweise auf unserer Erde bei. Darüber hinaus profitiert unsere Gesundheit durch einen solchen Lebenswandel enorm.
Es gibt bereits viele gute Beispiele und Projekte und es müssen mehr werden. »Politische Entscheidungsträger werden sich erst zu einer Postwachstumspolitik ermutigt fühlen, wenn sie hinreichend glaubwürdige Signale für die Bereitschaft und Fähigkeit der Gesellschaft empfangen, diesen Wandel auch auszuhalten.« (Paech 2012:141)

Quellen

(1) Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: Oekom.

(2) ARTE (Produzent), Robin M. (Regisseur). (2014) Wachstum, was nun? [Film]. Frankreich: absolut MEDIEN

(3) MDR (Produzent), Maul, A.(Regisseur) & Moers, P (Regisseur). (2016) Stadtoasen Teil 3 [Film]. Deutschland: Moers Media

(4) Werkstatt Zukunft (Produzent). (2015) Niko Paech: Postwachstumsökonomie in 20 Minuten [Film]. Deutschland: transfer e.V.

(5) Böker, Faible im Interview mit Frank Trentmann, 2019, Die Leute sollte ein wenig den Fuß vom Gas nehmen, ZEIT Magazin (Abgerufen am 13.02.2020)

(6) Statistisches Bundesamt (2019) Höhe der Konsumausgaben privater Haushalte* in Deutschland von 1991 bis 2018, de.statista.com (Abgerufen am 13.02.2020)

(7) Heaming, Anne, 2010, Wenn Städter Wurzeln schlagen, ZEIT Online (Abgerufen am 13.02.2020)

(8) WDR im Interview mit Christa Müller, 2016, Urban Gardening: Draußen ist das neue Drinnen, WDR (Abgerufen am 13.02.2020)

(9) anstiftung GmbH (Produzent), von der Heide, Ella (Regisseur). (2016) Eine andere Welt ist pflanzbar [Film]. Deutschland: anstiftung GmbH

(10) anstiftung GmbH (Produzent), Eich, George (Regisseur). (2010) Am Anfang war der Nachbarschaftsgarten [Film]. Deutschland: anstiftung GmbH