Degrow Design

Können die Digitalisierung und Degrowth gemeinsam stattfinden?

Felix Stockhausen

Eine Zukunft ohne Digitalisierung ist heutzutage kaum vorstellbar. Sie hat nicht nur große Auswirkungen auf die Wirtschaft und Industrie, sondern betrifft ebenso die sozialen wie auch die politischen Bereiche unserer Gesellschaft. Im Gegensatz zum Degrowthgedanken ist eines der zentralen Versprechen der Digitalisierung wirtschaftliches Wachstum (Steffen Lange, 2017). Im Folgenden soll sich mit der Frage auseinandergesetzt werden, inwiefern ein Umdenken stattfinden muss und welche Rahmenbedingungen es braucht, um Gesellschaftsstrukturen zu ermöglichen, in denen sich Digitalisierung und Degrowth nicht mehr ausschließen. Außerdem stellt sich die Frage, ob und inwiefern Design in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielt.
Es gilt als bewiesen, dass das Wirtschaftswachstum und der steigende Energieverbrauch eng mit der Digitalisierung zusammenhängen (Steffen Lange, 2017). Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verbrauchen nicht nur in ihrer Anwendung, sondern auch in der Produktion große Mengen an Energie, die immer noch zu großen Anteilen aus nicht erneuerbaren Energiequellen stammt und so eine vergleichbare Menge an Emissionen verursacht wie die Luftfahrtindustrie (Nicola Jones, 2018). Laut Anders S. G. Andrae und Tomas Eder (2015) wird der gesamte Energieverbrauch von IKTs und deren Infrastrukturen 2020 14% und 2030 im schlimmsten Fall sogar über 60% des weltweiten Energiekonsums ausmachen.
Neben dem steigenden Energiebedarf wächst selbstverständlich auch die Nachfrage nach Edelmetallen und seltenen Erden, die zur Produktion von IKTs benötigt werden. Nach Berechnungen der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) könnte sich der Bedarf einzelner Metalle bis 2035 verdoppeln oder sogar verdreifachen. Dabei muss bedacht werden, dass die Förderung dieser Ressourcen in den Herkunftsländern nicht nur enorme negative Auswirkungen auf die Umwelt mit sich bringt, sondern auch meist in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Problemen wie Kinderarbeit und Ausbeutung steht (Welt.de, 2016). Gleiches gilt für den von IKTs verursachten Elektroschrott, welchen die meisten Industrieländer in Schwellen- und Entwicklungsländer exportieren. Dort werden nur rund ein Sechstel unter großen Belastungen für Mensch und Umwelt wiederverwertet (Welt, 2015). In Anbetracht dieser Tatsachen ist auf den ersten Blick kaum vorstellbar, dass sich die Digitalisierung und die weitere Verbreitung von IKTs mit einer Postwachstumsgesellschaft oder sogar dem Degrowthgedanken verbinden lässt.
Degrowth ist einer von vielen Postwachstumsansätzen und sieht eine Verlangsamung der Wirtschaft, also einer Reduzierung von Konsum und Produktion vor. Anstelle von wirtschaftlichem Wachstum und Akkumulation von Geld und Material steht die soziale Gerechtigkeit und das ökologische Wohlbefinden des Planeten im Vordergrund.
Um eine solche Postwachstumsgesellschaft mit Hilfe der Digitalisierung zu ermöglichen, sind wichtige Rahmenbedingungen notwendig. Werden diese geschaffen, gibt viele Aspekte, in denen die Digitalisierung mithilfe von digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien positive Auswirkungen bezüglich Nachhaltigkeit und sogar auch Degrowth haben kann.
Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen gehört die Nutzung und der Ausbau von erneuerbaren Energien für den Betrieb und die Herstellung von IKTs. Mit dem Schaffen geschlossener Stoffkreisläufe und der Produktion der nötigen Infrastrukturen durch ebenfalls erneuerbare Energien, könnten wir uns in der Zukunft theoretisch mit endloser Energie versorgen, ohne dabei Ressourcen zu verbrauchen. Eine solche sogenannte absolute Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch, die auch das zentrale Konzept des Green Growth darstellt, ist in der Praxis allerdings eher unrealistisch. Es gibt keinen einzigen empirischen Beweis dafür, dass es irgendeine Form der absoluten Entkoppelung durch grünes Wachstum in einem absoluten Maßstab gibt (André Reichel, 2013).
Um das nachhaltige Potential der Digitalisierung zu nutzen, ist es deshalb umso wichtiger, dass ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. Es werden formelle und informelle Rahmenbedingungen benötigt: Strenge Regulierung durch Gesetze bezüglich der Kreislaufwirtschaft, stärkeres Verantwortungsbewusstsein bei den Produzent°innen und ökologischeres Produktdesign. Außerdem müssen neue Leitfäden bei der Entwicklung und Anwendung von nachhaltigen Technologien geschaffen werden (André Reichel, 2018).
Zu den wichtigsten Aspekten der Digitalisierung gehören die Vernetzung, Verbreitung und Speicherung von Wissen auf globaler Ebene (Digital-Magazin, 2018). Menschen rund um den Globus können zeitgleich miteinander kommunizieren und bekommen so die Gelegenheit, Wissen nachhaltiger zu nutzen, zu teilen und gemeinsam zu erweitern. Ein spezifisches Beispiel ist die Verbreitung von Wissen zum eigenständigen Reparieren von Produkten durch die Endbenutzer°innen. Zentrale Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft der Produzent°innen reparierfähige Produkte mit möglichst langen Nutzungsphasen herzustellen.
Ein wichtiger Aspekt der Digitalisierung ist die Ermöglichung gemeinschaftlicher Wertschöpfung. Internetplattformen ermöglichen zum Teil erst das Sharing und die Organisation von geteilt genutzten Produkten. Eine massenhafte Verbreitung von sharing-basierten Geschäftsmodellen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer sozialen Transformation zu einer Gesellschaft mit Umorientierung von Produktbesitz auf Produktzugang mithilfe von Sharing-Alternativen.
Eine der größten Chancen der Digitalisierung für Nachhaltigkeit stellt der Einsatz und die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) dar. Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie der Digitalisierung und könnte in der Zukunft viele Möglichkeiten bieten, Ressourcen jeglicher Art besser zu nutzen und zu teilen. Insbesondere bei der Reduzierung des Energieverbrauchs in großen Daten- und Rechencentern spielt KI bereits eine große Rolle. Allein mit der Hilfe einer lernenden KI, die in der Lage ist, verschiedenste Parameter und Faktoren, wie klimatische Veränderungen zu berücksichtigen um alle möglichen zukünftigen Szenarien zu berechnen, konnte Google die für die Kühlung notwendige Menge an Energie um 40 Prozent senken (Gamble & Gao, 2018).
Ein weiteres Beispiel wäre das Einsetzen von KI in der Verkehrsplanung und Steuerung, um die Organisation und Vernetzung der Mobilität zu optimieren.
Enorme Chancen bietet KI bei digitalen Plattformen im öffentlichen Personenverkehr. KI-Anwendungen haben das Potenzial, Menschen nach ihren individuellen Vorlieben und nach aktueller Verkehrslage von A nach B zu führen, und können damit das Ziel der durchgängigen, mehrere Verkehrsmittel integrierenden Reisekette mit einem einzigen Buchungs- und Bezahlvorgang entscheidend näher bringen. Eine ganze Reihe von Piloten und Testanwendungen nähern sich auf diese Weise der Schaffung eines neuen öffentlichen Individualverkehrs an(Digital Gipfel,2018). Neben dem Energie- und Mobilitätssektor gehören zu den weiteren Anwendungsbereichen mit vielfältigem Potential für die Nutzung von KI unter anderem die Agrar- und Lebensmittelindustrie, die Recycling- und Abfallwirtschaft und die Erdbeobachtung im Kontext von Ressourcennutzung und Naturkatastrophen (Umweltbundesamt, 2019).
Aufgrund der Digitalisierung und dem vermehrten Einsatz von KI ist mit einem Verlust von Arbeitsplätzen in bestimmten Arbeitssektoren zu rechnen (Welt.de, 2018). Das Wegfallen vieler Arbeitsplätze durch digitale Technologien könnte die Chance auf neue gesellschaftliche Strukturen bieten, die anstelle von wirtschaftlichem Wachstum soziale Aspekte, wie Zufriedenheit und Gerechtigkeit in den Vordergrund stellen.
Anstatt weiterhin Vollbeschäftigung anzustreben, die zusammen mit der Digitalisierung unweigerlich zu einem Wirtschaftswachstum führen muss, könnte eine Reduzierung von Arbeitsstunden die Möglichkeit bieten, die gewonnene Zeit für gemeinschaftliche und soziale Aspekte zu nutzen. Ein geregeltes Grundeinkommen für jede°n könnte für mehr Gerechtigkeit und Sicherheit sorgen und die Option bieten, ohne Druck mehr miteinander in Gemeinschaft zu arbeiten und den sozialen Wohlstand zu stärken.

Fazit

Die Digitalisierung allein wird nicht zu einer nachhaltigeren Postwachstumsgesellschaft führen. Sie stellt allerdings eine große Chance dar und bietet viele Möglichkeiten, die richtig genutzt werden müssen. Design kann auf dem Weg in eine solche Postwachstumsgesellschaft eine bedeutende Rolle spielen. Schon bei der Entwicklung und Gestaltung müssen Reperaturfähigkeit und Entsorgung bedacht werden. Nur so ist es überhaupt möglich, lange Nutzungsphasen und geschlossene Stoffkreisläufe zu sichern. Ebenso kann Design helfen, vielseitige Produkte zu schaffen, welche robust und einfach zu bedienen sind und sich somit gut für eine Sharing-Gesellschaft eignen und das Teilen in der Gemeinschaft fördern. In jedem Fall ist wichtig zu betonen, dass Degrowth nicht Rückentwicklung oder Entwicklungsstopp bedeutet und somit die Digitalisierung mit ihren technologischen Fortschritten nicht ausschließt. Als wichtigste Voraussetzung um eine nachhaltige Zukunft zu sichern, gilt es, für ein Umdenken in der Gesellschaft und Politik zu sorgen und ein neues Bewusstsein für den Umgang mit IKTs und den dazugehörigen Infrastrukturen zu schaffen.

Quellenliste

Steffen Lange. (2017). Digitalisierung und Postwachstum. 18. Februar 2020. Verfügbar unter: https://www.postwachstum.de/digitalisierung-und-postwachstum-20170707.

Nicola Jones. (2018). How to stop data centres from gobbling up the world’s electricity. 19. Februar 2020. Verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/d41586-018-06610-y#ref-CR2.

Anders S. G. Andrae & Tomas Edler (2015). On Global Electricity Usage of Communication Technology: Trends to 2030. https://doi.org/10.3390/challe6010117.

Digital Gipfel (2018). KI@Mobility – Beitrag künstlicher Intelligenz zur Mobilität der Zukunft. 18 Februar 2020. Verfügbar unter: https://www.mobility-ki.de/.

Chris Gamble & Jim Gao. (2018). Safety-first AI for autonomous data centre cooling and industrial control. Verfügbar unter: https://deepmind.com/blog/article/safety-first-ai-autonomous-data-centre-cooling-and-industrial-control.

Andre Reichel. (2018). Digitalisation and Sustainability. 20.Februar 2020. Verfügbar unter: https://www.andrereichel.de/2018/03/02/digitalisation-sustainability/.

Umweltbundesamt. (2019). Künstliche Intelligenz im Umweltbereich.

Deutsche Rohstoffagentur (2016). DERA Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016.

Welt.de. (2015). Weltweit so viel Elektroschrott wie nie zuvor. 19 Februar 2020. Verfügbar unter: https://www.welt.de/newsticker/news1/article139764382/Weltweit-so-viel-Elektroschrott-wie-nie-zuvor.html.

Andre Reichel. (2013). Green growth vs. Postgrowth – Where the twain can meet. Verfügbar unter: https://www.andrereichel.de/2013/12/17/green-growth-vs-postgrowth/.

Welt.de. (2016). Nach diesem Handyrohstoff buddeln Kinder metertief. Verfügbar unter: https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article151650363/Nach-diesem-Handyrohstoff-buddeln-Kinder-metertief.html.

Digital-Magazin. (2018). Digitalisierung: Was ist das? Verfügbar unter: https://digital-magazin.de/digitalisierung-definition/?cn-reloaded=1.

Welt.de. (2018). Diese Jobs sind besonders von Robotern bedroht. Verfügbar unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article173642209/Jobverlust-Diese-Jobs-werden-als-erstes-durch-Roboter-ersetzt.html.