Degrow Design

Urban Mining – Potentiale für eine Postwachstumsgesellschaft

Paul Moritz

Bild 1 – Pawel Nolbert, Unsplash, 2020

Abstract/Einleitung

In Zeiten der Klimakrise und fortschreitender globaler Ressourcenvernichtung infolge einer auf endloses Wachstum ausgelegten Weltwirtschaft bedarf es alternativer Lösungen. Wie wir mit den uns zur Verfügung stehenden Rohstoffen, dem Verbrauch dieser und den daraus anfallenden Abfallprodukten umgehen. Der Mensch steht nicht nur als Verbraucher°in sondern auch als Produzent°in wertvoller Rohstoffe im Mittelpunkt der Überlegungen für die Zukunft. Der Begriff Urban Mining vereint einige Konzepte, die beschreiben, wie ein nachhaltigerer Umgang mit Ressourcen realisiert werden kann. Der Fokus liegt hier auf dem Bausektor, betrifft somit also hauptsächlich Architekt°innen, Ingenieur°innen und Planer°innen. Viele der Ansätze können aber auch auf andere gestalterische Disziplinen, wie beispielsweise das Produktdesign, übertragen werden. Urban Mining, der städtische Minenbau, beschreibt zum einen die Wertstoffgewinnung aus anthropogenen - also vom Menschen gemachten – Lagerstätten, zum Beispiel aus klassischen Abfalldeponien statt aus geogenen Quellen. Zum anderen versteht Urban Mining aber auch Großstädte als Rohstoff-, und Raumlager, die in Zukunft als solche konzipiert, katalogisiert und genutzt werden müssen. Ziel ist eine wesentlich effizientere Rohstoffnutzung. Die Notwendigkeit zur weiteren Erschließung klassischer Rohstoffgewinnungsstätten in der Natur muss in Zukunft deutlich geringer werden. Vorraussetzungen dafür sind unter anderem die Vermeidung und Verringerung von Ressourcenverschwendung durch vermehrte Reparatur von Produkten und ein Verbessern ihrer Langlebigkeit. Wiedernutzung und Recycling. Ein verändertes Produktdesign integriert in zirkuläre Wirtschaftsprozesse. Mehr Eigentümer°innenverantwortung, neue Materialien und Re-Design sowie eine grundlegende Veränderung im Nutzer°innenverhalten sowie reduktive Praktiken in der Baukultur. Mit dem Beschluss der Sustainable Development Goals von 2016 wurde bereits ein wichtiger Impuls für den Neustart von Kreislaufwirtschaften gegeben. Urban Mining hat also das Produzieren in geschlossenen Stoffkreisläufen zum Ziel; doch um den Begriff verstehen zu können, muss man zunächst die Gründe für die Kritik an ungebremstem Wachstum und das Beschäftigen mit alternativen Baustrategien kennen. Die weltweite Müllproduktion und die imminente Gefahr der Ressourcenknappheit werden diesbezüglich als relevanteste Ursachen im Bezug zu Urban Mining untersucht. Des Weiteren wird auf die Teilbereiche des Urban Mining eingegangen, um ein besseres, grundlegendes Verständnis des Konzeptes zu vermitteln. Auch die Rolle der Architekt°innen als gestalterische Planer°innen von Raum in einer Postwachstumsgesellschaft ist infrage zu stellen und neu zu definieren. Welche Konsequenzen muss die Architektur aus der Wachstumskritik ziehen und ist Urban Mining als Konzept potentiell auch in anderen Disziplinen anwendbar?

Gründe für Urban Mining Konzepte – Ressourcenknappheit im 21. Jahrhundert

In einer auf stetiges wirtschaftliches Wachstum ausgelegten Gesellschaft braucht es für die Produktion von Konsumgütern, das Errichten von Gebäuden und das Einrichten von Infrastrukturen einen stetigen Fluss an Rohstoffen. Unser globales Wirtschaftssystem basiert auf dem Prinzip der Erschöpfen natürlicher Ressourcen, die man als primär bezeichnet. Bereits in menschengemachte Stoffkreisläufe integrierte Ressourcen sind sekundäre Ressourcen. Der exponentielle Anstieg der Weltbevölkerung in den letzten 100 Jahren hat einen enormen Anstieg des Verbrauches von primären Ressourcen und Rohstoffen zur Folge. Es wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2050 neun Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. (United Nations World, Population Prospects, 2018) Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Wachstumsrate der Weltbevölkerung mit steigender Technologisierung und Modernisierung auf gesellschaftlicher, politischer und sozialer Ebene abnehmen wird. Dennoch steigen zeitgleich die Lebensstandards weltweit und infolge dessen auch weiterhin der Verbrauch von Ressourcen. Ähnlich wie beim Anstieg der Weltbevölkerung lässt sich hier ein exponentielles Wachstum vor allem in den letzten 30 Jahren beobachten. Besonders Aluminium, Kupfer und Zement sind Materialien deren Nachfrage enorm angestiegen ist. Das liegt zum einen an der rasanten Entwicklung der Kommunikationstechniken, wie zum Beispiel Smartphones, in denen viele seltene Erden und Metalle verbaut werden müssen. Zum anderen ist der Bausektor weltweit der größte Verbraucher von und Rohstoffen in der Wirtschaft. (Deutsche Bauzeitung, 06/2015) Allein in Deutschland werden ca. 50 % der jährlich genutzten Energie für das Klimatisieren von Gebäuden aufgebracht sowie 60 % aller fossilen Ressourcen von der Bauindustrie verbraucht. (Deutsche Bauzeitung, 06/2015) Baumaterialien werden aus der ganzen Welt importiert und müssen aufgrund steigernder Technisierung von Gebäuden immer energieaufwendiger hergestellt werden. Damit einher geht auch die enorm gestiegene Nachfrage nach seltenen und limitierteren Rohstoffen. Vor allem Sand, als wichtigster Bestandteil von Beton, ist einer der am schnellsten zur Neige gehenden natürlichen Rohstoffe. Auch Öl für die Plastikherstellung und Süßwasser, das man für fast alle Vorgänge in der Produktion jeglicher Güter benötigt, gehen zur Neige. Das erschließen alternativer Rohstoffe und Rohstoffquellen wird immer wichtiger. Hanf, Stampflehm, Bambus und Holz sind einige Beispiele für nachhaltigere Lösungen von Baumaterialien. Doch eines der größten Potentiale liegt im Müll als alternative Ressource.

Bild 2 – Pop & Zebra, Unsplash, 2020

Müll im 21. Jahrhundert

„It is assumed that the occurrence of [most valuable metals or rare earths] is by now higher in human-made dump sites than in the natural realm.“ (Ruby, Ilka and Andreas, 2010) Um zu verstehen, warum eine Lösung der Ressourcenkrise in unseren Abfällen liegen kann, muss man sich vor allem urbane Regionen genauer anschauen. Durch eine Verlagerung der Siedlungsentwicklung auf Ballungsräume lebt heute die Hälfte aller Menschen in urbanen Agglomerationen und bis zur Jahrhundertmitte soll dieser Anteil auf 80 % ansteigen. Städte sind heute mehr den je Hotspots des Umweltverbrauches - verschlingen Unmengen an Energie und Ressourcen und produzieren dabei jährlich weltweit ca. 1,3 Milliarden Tonnen Feststoffabfall. Bereits in fünf Jahren soll diese Zahl auf 2,2 Milliarden Tonnen anwachsen. Die 34 OECD-Mitgliedsländer (The Organisation for Economic Cooperation and Development) generieren mehr Feststoffabfall als alle 164 anderen Länder der Welt zusammen. (A Rubbish Map - The Economist Online, 2012) Allein China wird laut einer Prognose der World Bank im Jahr 2025 mehr als die Hälfte des Abfalls weltweit produzieren und dabei auch den meisten Abfall importieren. Denn das größte Exportgut der USA nach China zum Beispiel ist Müll. (Garbology - The Economist Online, 2012) Auch Deutschland exportiert Abfall in andere Länder und sieht sich zeitgleich als „Recyclingweltmeister“. Dabei werden in Deutschland gerade einmal 35 % der eingesammelten, recyclebaren Stoffe verwertet und davon ein Großteil nur energetisch – somit dem Stoffkreislauf entnommen. Marc Angélil und Cary Siress propagieren in ihrem Artikel „Re: Going Around in Circles – Regimes of Waste“ ein Erkennen und Nutzen des Potentials, das ein richtiger Umgang mit Müll birgt. „Waste and its meticulous handling are valued as gifts, offered by society to itself. Where we turn the parable’s missed opportunity to our advantage, a modified economy would be set into motion. Perhaps then we would come full circle in being sustained by the constant transformation of matter and energy at hand, without beginning and without end.“ Die Möglichkeit eines in sich geschlossenen, selbsttragenden Stoffkreislaufes geht einher mit dem Gedanken einer Postwachstumsgesellschaft. Es gibt zwei Arten von Müll der als potentielle Ressource genutzt werden kann – der den wir noch produzieren werden – und der Müll der bereits seit Jahren in der Nähe unserer Städte abgelagert wird und im Prinzip nur darauf wartet wieder „abgebaut“ zu werden. Letzteren Prozess bezeichnet man als Landfill Mining.

Teilbereiche des Urban Mining – Landfill Mining

Landfill Mining beschreibt also Wertstoffgewinn aus dem Deponierückbau klassischer Abfalldeponien. Das Lagern beziehungsweise Vergraben von größtenteils unbehandelten Abfallstoffen in Landverfüllungen war, bis zum Aufkommen des Recyclings und des Exportes von Müll, bis weit in die 90er-Jahre noch die prominenteste Methode der Müllentsorgung. In Deutschland gibt es laut Umweltbundesamt ungefähr 106.000 dieser Altdeponien, von denen heute nur noch einige Tausend aktiv in Betrieb sind. Urban Mining ist in der Entsorgungswirtschaft längst ein etablierter Begriff. Die energetischen Potentiale alter Siedlungsabfälle sind hoch und Millionen Tonnen vergrabener Ressourcen warten auf eine Wiedereinführung in den Stoffkreislauf. Darunter auch enorm viele seltene Erden und mineralische Stoffe, deren natürliche Quellen rasant zur Neige gehen, beispielsweise in Schlacken gebundene Stoffe die bei der Eisen- und Stahlherstellung anfallen. Oder im Fall von Kupfer, wo Schätzungen zufolge derzeit ca. 300 Millionen Tonnen genutzt werden. Die natürlichen Reserven an Kupfer betragen ca. 490 Millionen Tonnen. Somit sind jene Bestände, die in Infrastruktur, Bauwerken und mittellanglebigen Produkten enthalten sind, den natürlichen Reserven massenmäßig ebenbürtig. (Dirk E. Hebel, Building From Waste, 2014)

Urban Mining Design

Ein weiterer Teilbereich des Urban Mining ist das Urban Mining Design (UMD). Gebäude werden hier als wichtige Ressource verstanden und müssen dementsprechend auch als Rohstoffzwischenlager geplant werden. Vorraussetzungen dafür sind unter anderem die Trennbarkeit von Konstruktionen und Bauprodukten sowie eine konsequente Produktverantwortung seitens der Hersteller. Bestehende urbane Räume sollen verdichtet werden, anstatt durch die Erweiterung dieser weiteres Land zu vernichten und Ressourcen zu verschwenden für das Anlegen neuer Infrastrukturen. In diesem Sinne ist die Nachnutzung von Brachflächen und Bestandsbauten, beziehungsweise eine Revitalisierung dieser Teil des Urban Mining Design. Jedoch entstand ein Großteil des Baubestandes in der Nachkriegszeit und bedarf in der Regel alle 50 Jahre einer grundlegenden Sanierung. Aufgrund sich stetig verändernder Lebensstandards und der energetischen und technischen Modernisierung unserer Wohnungen erweist sich Abriss deshalb im Vergleich zu Sanierungen oft als die wirtschaftlichere Variante. Damit verbundenes, stark-wachsendes Bauschuttaufkommen bringt viele Probleme mit sich. Es hat aber auch ein hohes Verwertungspotential, das jedoch durch einen Mangel an der Nachfrage nach recycelten Baustoffen gegenwärtig nicht voll ausgeschöpft werden kann. Dabei ist beispielsweise Recycling-Beton aus Teilen aufbereiteten Bauschutts problemlos herstell- und zertifizierbar. Hinzu kommt, dass anthropogene Lagerstätten in der Regel deutlich näher an möglichen Baustellen liegen als primäre Rohstoffquellen. Diese befinden sich aus Gründen des Immissionsschutzes und der hohen Flächenkonkurrenz mit Siedlungsgebieten oft weiter entfernt, was wiederum Transportkosten enorm steigert. Die niedrige Nachfrage an recycelten Baustoffen resultiert auch aus der geringen Akzeptanz seitens Bauträgern wie Ländern oder Kommunen. Das kann oft an einem einfachen Wissensmangel oder Informationsdefizit liegen, was sich wiederum in Unsicherheit im Umgang mit neuartigen Baustoffen äußert. Dies verhindert den notwendigen, schnellen technischen Fortschritt und die Qualifizierung der Bauschuttaufbereitung und des Stoffstrommanagements. Ist Neubau nicht zu vermeiden, so sollte im Sinne des UMD On-Site-Recycling von Gebäuderestmassen betrieben werden. Dadurch kann zusätzlicher Abfall vermieden werden, bestehende natürliche Rohstoffvorkommen werden geschont und Mobilitätsimmissionen werden minimiert.
Bei der Planung neuer Bauvorhaben ist auch über die Form dieser bereits einiges zu leisten. Eine kompakte Gebäudekubatur erleichtert Reparaturen und Wartungen anfälliger Bauteile und hält Energiekosten gering. Des Weiteren sollte, wenn möglich, im Sinne der Untouched-World-Idee auf eine Unterkellerung verzichtet und auf eine bodenschonende Gründungskonstruktion geachtet werden, um empfindliche Bodenorganismen zu schützen. Denn die Bildung eines Zentimeters Boden braucht im Durchschnitt mindestens 100 Jahre. (Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, 2020) Auch der Suffizienz-Gedanke, eine der drei Säulen der Nachhaltigkeit, spielt im Urban Mining Design eine Rolle. Mit dem Ausreichenden auskommen, sich in Suffizienz üben, ist die direkteste Art der Ressourcenschonung und Abfallvermeidung. Suffizienz beispielsweise im Konsumverhalten, im Umgang mit Energie und Wasser aber auch im Wohnflächenverbrauch. Bezogen auf Letzteres geht der Trend in eine andere Richtung. Im Jahr 2000 lag der durchschnittliche Wohnraum pro Einwohner in Deutschland noch bei 40 m², 2016 bereits bei 46 m² und wird bis 2050 auf wahrscheinlich 51 m² pro Einwohner ansteigen. (Statistisches Bundesamt, 2017)
Des Weiteren ist über die Nutzungsflexibilität von Bauvorhaben nachzudenken. Freie, vielseitige Grundrisse, die sich je nach Anforderung anpassen lassen und so auf lange Sicht nutzbar bleiben. Möglich wird dies unter anderem auch durch das Planen in einer generell weniger restriktiven Skelettbau- statt in einer Massivbauweise. Im Skelettbau werden mit Stützen und Säulen gerüstähnliche Tragsysteme konzipiert, statt wie im Massivbau Lasten über tragende Wände abzuleiten. So wird die gleiche Leistung bei geringerem Materialeinsatz erreicht und ressourcenschonendes Bauen gefördert. Auch wird die Mehrfachnutzung von Bauteilen dank der besseren Rückbaubarkeit von Gebäuden, die in einer Skelettbauweise errichtet wurden, einfacher. Gleichzeitig stellt der Skelettbau jedoch höhere Anforderung an Fügungstechniken und Materialkenntnis, was eine veränderte Planung der Bauvorhaben voraussetzt. Fügung und Material spielen generell eine wichtige Rolle im Urban Mining Design, im Speziellen die Rückbaufreundlichkeit der Konstruktion und die Recyclingfähigkeit von eingesetzten Materialien. Der Verzicht auf Klebeverbindungen und eine einstoffliche Bauweise sind wichtig. Letzteres bedeutet den reinen Einsatz eines Baumaterials, ohne es mit anderen Stoffen zu vermischen und so die Recyclingfähigkeit des Baustoffes zu mindern. Teilweise wird so auf ganze Bauteilschichten zu Gunsten der Materialsichtoberfläche verzichtet, ganz im Sinne des Suffizienz-Ansatzes. Materialien werden roh verbaut und die sinnliche Materialerfahrung vor eine eine rein visuelle Wahrnehmung gestellt. Das in Kauf nehmen einer authentische Alterung statt der Konservierung von Bauteilschichten minimiert Renovierungsmaßnahmen. Generell ist die potentielle Wieder- oder Weiterverwendungen von Bauwerken oder Teilen dieser stärker in die Planung einzubinden. Modulare Konzeptionen von Gebäudeteilen fördern die Möglichkeit zur Vorfertigung einzelner Bauteile und erhöhen die Chancen der Weiternutzung dieser.
Auch die Produktverantwortung seitens der Hersteller muss in Zukunft eine größere Rolle spielen. Nicht nur im Bausektor ist eines der stärksten Konzepte zur Minimierung von Ressourcenverbrauch das Mieten von Produkten jeglicher Art. Leihen statt besitzen, ähnlich dem allseits bekannten Car-Sharing System. Eine umfängliche Produktverantwortung kann in Zukunft viel leisten. Pfand-, oder Leihsysteme und das Austauschen und vor allem auch Zurücknehmen von Produkten am Ende ihrer Lebensdauer durch den Hersteller, der im besten Fall Sammel-, und Recyclingprozesse selbst optimiert hat. So können im Bau beispielsweise bereits Bodenbeläge wie Teppiche oder Wandverkleidungen von einigen Herstellern angemietet werden. Diese kümmern sich dann umfassend um die Instandhaltung und auch den eventuellen Rückbau mit anschließender Weiternutzung geliehener Materialien.
Der Rückbau beziehungsweise die Nutzung nach Ende der Lebensdauer von Gebäuden sollte im Sinne des Urban Mining Design in Zukunft als neue Planungsphase, beispielsweise als Rückbauplanung, fest in den Tätigkeitsfeldern von Planern integriert werden. Wie bereits erwähnt, wird Bauschutt zur Zeit nur minderwertig weiterverarbeitet und größtenteils zur Verfüllung von Fundamenten oder im Straßenbau genutzt. Dies liegt vor allem an der fehlenden Dokumentation verbauter Materialien. Das Umweltbundesamt forderte deshalb bereits vor Jahren eine Bewertung der ökologischen Leistung eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus durch einen digitalen Materialpass. (Umweltbundesamt, 2020) In diesem sollten verwendete Rohstoffe, ihre Quantität und der voraussichtliche Wiedereintritt in den Rohstoffzyklus bereits vor dem Bau identifiziert und katalogisiert werden. Die daraus entstehenden Rohstoffdatenbanken ermöglichen ein besseres Bewirtschaften dieser Stoffströme.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es beim Urban Mining drei generelle Zielvorgaben gibt: Das bestehende anthropogene Lager stofflich und hinsichtlich einer zukünftigen Exploration zu beschreiben und zu dokumentieren. Den zukünftigen Lagerzuwachs so zu gestalten, dass hohe Rückflussquoten von Rohstoffen erzielt werden können. Und die methodischen und technischen Grundlagen für die optimale Nutzung der Ressourcen aus dem anthropogenen Lager zu entwickeln. Urban Mining demonstriert das Potential und die Möglichkeiten, wie Abfallprodukte am Ende ihrer ersten Lebensdauer durch Weiterverarbeitung in einen zweiten und vielleicht sogar dritten Lebenszyklus geführt werden können. Aber es eröffnet auch die Frage, ob die Auseinandersetzung damit, was mit Produkten und Gebäuden nach Ende ihrer Lebensdauer passiert, nicht der Startpunkt des eigentlichen Designprozesses werden muss.

Urban Mining in einer Postwachstumsgesellschaft

Viele der Konzepte und Ansätze des Urban Mining gehen einher mit den Ideen einer Postwachstumsgesellschaft. In der Zukunft muss die Stadt lernen, sich aus sich selbst zu erneuern. Gerade die im Urban Mining Design beschriebenen Herangehensweise sind richtige Schritte in diese Richtung. Energieversorgung, Infrastruktur, Mobilität und Teile der Nahrungsmittelversorgung müssen gekoppelt werden. Denn sie sind das Material, aus dem eine Stadt gebaut ist. Die vorherrschende imperiale Herangehensweise des Beziehens von Ressourcen aus aller Welt kann und wird auf Dauer nicht gut gehen. Bauen im Anthropozän muss auf der Rückgewinnung von Baumaterialien aus dem „urbanen Ökosystem“ basieren. Zirkuläres Planen und zirkuläre Kostenkontrollen statt expansive Wachstumskategorien sind integrale Bestandteile einer Architektur in der Postwachstumsgesellschaft. Es ist klar, dass gedanken- und umstandsloses Wachstum keine dauerhaften Lösungen bietet und dass wir statt einer linear geführten Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft übergehen müssen. Urban Mining liefert hier viele Ansätze und Lösungsvorschläge – die konsequente Umsetzung dieser Bedarf auch der stärkeren Einflussnahme der Politik. Es müssen unter anderem neue Anreize und Paradebeispiele geschaffen werden, um die Wirtschaft von einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen zu überzeugen. Fakt ist, dass der Weg in eine Postwachstumsgesellschaft beschwerlich ist und der Veränderung vieler etablierter Handlungsweisen bedarf. Auch das gesellschaftliche Bild von Müll als dreckige und lästige Sache muss sich in Zukunft drastisch ändern. Urban Mining ist hier für den Bausektor ein Schritt in die richtige Richtung. Ob jemals komplett auf wirtschaftliches Wachstum verzichtet und nur noch bedarfsdeckend und nachhaltig gebaut werden wird, ist jedoch fraglich. Der Trend des Geld-Anlegens in Luxuswohnflächen vor allem in Deutschland zeigt hier deutlich die Entwicklung in eine andere Richtung. Auch wenn vermehrt Bauprojekte auf nachhaltige Konzepte setzen, passiert dies oft mit einem stark wirtschaftlichen Interesse. Hier muss in Zukunft stärker differenziert werden, wann nur so genanntes Greenwashing betrieben wird und wann wirkliches Interesse an einer ressourcenschonenderen Bauweise besteht, mit dem Ziel im Sinne der Postwachstumsidee eine entschleunigte und behutsamere Architektur zu etablieren. Dafür müssen wir als Architekt°innen, Gestalter°innen und Designer°innen auch unser Denken in Abfallkategorien beenden und das Prinzip der balancierten Kreislaufwirtschaft wieder in alle Entscheidungsprozesse einbeziehen.

Quellenverzeichnis – Referenzliste (in Reihenfolge der Referenzen im Text)

[1] – United Nations World Population Prospects, Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, 2018

[2] – Deutsche Bauzeitung, Heft 6, 2015, https://www.dbz.de/artikel/dbz_Bautechnik_Zukunftsorientiert_Bauen_Eike_Roswag_2347593.html, (letzter Abruf: 15.02.2020)

[3] – Deutsche Bauzeitung, Heft 6, 2015, https://www.dbz.de/artikel/dbz_Bautechnik_Zukunftsorientiert_Bauen_Eike_Roswag_2347593.html, (letzter Abruf: 15.02.2020)

[4] – Ruby, Ilka and Andreas (2010). „Mine the City“, in Reinventing Construction, Ruby Press, Berlin, Deutschland, S. 243–247

[5] – Daily Chart, A rubbish map, The Economist online, http://www.economist.com/blogs/graphicdetail/2012/06/daily-chart-3, (letzter Abruf 01.03.2020)

[6] – Garbology, ‘Difference Engine: Talking Trash’, The Economist online, in: http://www.economist.com/blogs/babbage/2012/04/garbology-0, (letzter Abruf 27.02.2020)

[7] – Dirk E. Hebel, Marta H. Wisniewska, Felix Heisel, Building From Waste – Recovered Materials In Architecture And Construction, Basel, 2014, S. 27-32

[8] – Schutzgemeinschaft deutscher Wald (SDW): Waldböden, http://www.sdw.de/waldwissen/waldboden/entstehung-und-aufbau/index.html (letzter Abruf: 03.03.2020)

[9] – Fortschreibung des Wohnungsgebäude- und Wohnungsbestands – Lange Reihen 1969 – 2016, Hrsg. vom Statistischen Bundesamt, 2017, in: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/Publikationen/Downloads-Wohnen/fortschreibung-wohnungsbestand-pdf-5312301.html (letzter Abruf: 01.03.2020)

[10] – Urban Mining – Ressourcenschonung im Anthropozän, Hrsg. vom Umweltbundesamt, 07/2017 (Aktualisiert 2019), https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/urban-mining-ressourcenschonung-im-anthropozaen, Stand 03.03.2020

Literatur

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Dirk E. Hebel, Marta H. Wisniewska, Felix Heisel, Building From Waste – Recovered Materials In Architecture And Construction, Basel, 2014, S. 27–32

Annette Hillebrandt, Petra Riegler-Floors, Anja Rosen, Johanna-Katharina Seggewies, Hrsg. von Detail Buisness Information GmbH, Recycling Atlas – Gebäude als Materialressource, München, 2018, S. 6ff.

Florian Knappe, Urban Mining – Es sind neue Wege notwendig, in: Müll und Abfall – Fachzeitschrift für Abfall-, und Ressourcenwirtschaft (43. Jhg.), Heft 10, 2011, S. 460–465

Antonia Köhn, Urban Mining - Entwicklung einer Methodik zur Ermittlung zukünftiger Rohstoffströme aus Gebäudetechnik (Dissertation zur Erlangung des Dr.-Ing.), Darmstadt, 2018

Urban Mining – Ressourcenschonung im Anthropozän, Hrsg. vom Umweltbundesamt, 07/2017 (Aktualisiert 2019), https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/urban-mining-ressourcenschonung-im-anthropozaen, (letzter Abruf 03.03.2020)

Internet

Eike Roswag, Zukunftsorientiertes Bauen – Klimwandel und Ressourcenknappheit fordern Veränderung, in: Deutsche Bauzeitung, Heft 6, 2015, https://www.dbz.de/artikel/dbz_Bautechnik_Zukunftsorientiert_Bauen_Eike_Roswag_2347593.html, (letzter Abruf: 15.02.2020)

Solveig Richter, Ressourcenkonflikte, in: bpb.de, https://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/76755/ressourcenkonflikte, (letzter Abruf: 02.03.2020)

Bettina Sigmund, Urban Mining – Ressourcen im Baubestand, in: detail.de, https://www.detail.de/artikel/urban-mining-ressourcen-im-baubestand-11910/, (letzter Abruf: 29.02.2020)

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Urban-mining.com, https://www.urban-mining.com/index.php?id=22, (letzter Abruf: 24.02.2020)

Liane Watzel, Urban Mining – Die Rohstoffe der Städte, in: mdr.de, https://www.mdr.de/wissen/antworten/urban-mining-die-rohstoffe-der-staedte-100.html, (letzter Abruf: 02.03.2020)