Degrow Design

Hostile Design

Clemens Rusche

Gestaltung mit bösen Hintergedanken

Mehr und mehr werden öffentliche Plätze zu Showrooms der Städte und Kommunen, Bänke aus Beton sind Anti-Terror-Blockaden für die die Sicherheit suchen und kalte abweisende Steine für die die einen Schlafplatz suchen.
Nachträglich angebrachte Stahlstangen sollen verhindern dass Skater°innen das Holz der Sitzflächen ruinieren, doch machen sie gleichzeitig das entspannte Sitzen auf der Bank unmöglich. Gutes Design für den öffentlichen Raum ist Design, dass mit geringst möglichem Aufwand instand gehalten werden kann. Gleichzeitig muss es für alle, die sich im öffentlichen Raum aufhalten funktionieren.

Problembeschreibung

In unserer Wachstumsgesellschaft bewährt es sich nicht eine komplizierte, aufwendige Lösung zu suchen, wenn das Problem einfacher, schneller, günstiger gelöst werden kann. Ist das Fakt oder können wir durch komplexe Lösungsansätze, die die Ursprünge der Probleme ergründen und lösen nachhaltigere Erfolge erzielt werden?
Designer°innen müssen ständig die Auswirkungen ihrer Gestaltung reflektieren und notfalls ihr ursprüngliches Design korrigieren oder eine gänzlich neue Lösung finden. Laut Stuart Semple sind Designer°innen gar nicht in der Lage derartige Probleme mit einem Möbelstück zu lösen (Long, 2019). Fest steht das eine Bank auf der ein Obdachloser nicht liegen kann, nicht verhindert das er oder sie sich vor die Bank auf den Boden legt. Fest steht aber auch das es auf der Bank angenehmer wäre. Dieser Unterschied allein reicht aber nicht aus um Obdachlosigkeit zu beenden. Einem Menschen den Schlafplatz zu nehmen heißt nur ihm die Hoffnung zu nehmen. Designer°innen müssen einen anderen als den direkten Weg finden um Betroffenen zu helfen und gleichzeitig den Anforderungen des Auftraggebers zu befriedigen.

Begriffserklärung

Diese Art von hostile, zu deutsch feindlichem Design, ist kein neues Phänomen, allerdings immer mehr verbreitet. Hostile Design ist eine Designstrategie, die bewusst Randgruppen, wie Obdachlose Jugendliche und Skater°innen aus öffentlichen Räumen ausgrenzt indem die vorhanden Elemente wie zum Beispiel Sitzbänke, Mauern oder Parks so umgestaltet werden, dass das Verhalten dieser Gruppen in eine bestimmte Richtung gelenkt wird oder bestimmte Verhaltensweisen verhindert oder unmöglich gemacht werden. Oft werden Gründe wie geringe Instandhaltungskosten, Verhinderung von Vandalismus oder die Prävention von Kriminalität vorgeschoben.

Beispiel „Camden Bench“

Ein perfektes Beispiel für solch ein „Anti-Objekt“ ist die Camden Bench, 2012 in Camden, London installiert hat sie für viel Diskussion und Aufregung gesorgt. Hergestellt von der britischen Firma Factory Furniture, soll sie mit Hilfe verschiedener Elemente das Verhalten auf öffentlichen Plätzen beeinflussen. Die angewinkelten Flächen sollen die Bank für Skater°innen unattraktiv machen, die schräge Sitzfläche macht das liegen auf der Bank unmöglich, um Graffitis leichter zu entfernen ist die Bank mit einer Anti-Haft-Beschichtung lackiert. Außerdem sollen die geschlossenen Oberflächen das Dealen von Drogen verhindern da keine Versteckmöglichkeiten geboten werden. Zusätzlich kann die Bank aus purem Beton als Straßensperre vgenutzt werden. Als solche wurde sie auch vom Home Office (das britische Innenministerium) klassifiziert und kann nun als offizielles Mittel gegen terroristische Gewalt genutzt werden. Die Bank gewann außerdem Preise wie den den „Keep Britain tidy“ für „Best practice street cleansing“ (2010) und den Design Council für „Best practice for reducing crime“ (2012).

Motivationsbegründung

In einem Interview mit dem Magazin unpleasant Design merkt das Design Team von Factory Furniture (Author unbekannt, o. J.) an: „Homelessness should never be tolerated in any society and if we start designing in to accommodate homeless then we have totally failed as a society. Close proximity to homelessness unfortunately makes us uncomfortable so perhaps it is good that we feel that and recognise homelessness as a problem rather than design to accommodate it.“ Aus diesem Zitat lässt sich der Gedankengang hinter den meisten Beispielen für hostile Design ableiten, ein vorgeschobener Grund um das eigentliche Problem nicht lösen zu müssen. Selten werden Objekte für die Öffentlichkeit mit einer schlechten Absicht gestaltet. Das eine Holzbank angenehmer zum Sitzen ist, ist den Designern°innen klar, doch ist eine aus Stahl deutlich einfacher zu reinigen und da sich die Stadt, die die Bänke anschafft, in erster Linie um eine saubere Stadt und niedrige Instandhaltungskosten bemüht wird oft der Komfort oder der eigentliche Nutzen außer acht gelassen und die Ursprünge für Verschmutzung oder des Vandalismus gar nicht erst ergründet.

„Blaues Licht“

In anderen Fällen werden bewusst Änderungen vorgenommen um bestimmte Randgruppen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. So hat die amerikanische Tankstellenkette Sheetz mit Hilfe des New Kensington Police Department in einer ihrer Filialen 2017 blaues Licht auf den Kundentoiletten installiert um es Drogenabhängigen zu erschweren ihre Adern zu finden. Sheetz Manager für Öffentlichkeitsarbeit Nick Ruffner sagt im Interview mit CNN, dass das Lichtsystem so gestaltet wurde, um gefährliche Situationen für Kunden und Angestellte zu vermeiden (Watts, 2017).

Zwischenfazit

Diese Art der Gestaltung der uns allen zugänglichen Orte der auch Wohnort für jene ist die kein festen Wohnsitz haben oder Spielplatz für Kinder und Treffpunkt für Jugendliche ist, schadet nicht nur den direkt Betroffenen, wie den Skatern°innen oder Wohnungslosen, sondern der gesamten Gesellschaft. Diese Designstrategien unterstützen eine „Aus den Augen aus dem Sinn“ - Einstellung, die die Probleme gegen die sie vorgehen nicht lösen sondern lediglich an einen anderen Ort expatriieren. Obdachlose werden aus den Innenstädten, von den beheizten Eingängen der Einkaufszentren und von den trockenen Plätzen unter Brücken vertrieben und in Randgebiete gedrängt. Anstatt die Schwachen und Schutzbedürftigen Menschen in unsere Gesellschaft einzugliedern und sich um sie zu kümmern werden sie von einer absichtlich feindlich gestalteten Umwelt ausgeschlossen. Erschreckend ist, dass so viele Menschen diese Art von Gestaltung gar nicht erst wahrnehmen, wie Designer und Aktivist Stuart Semple im Gespräch mit dem design WEEK Magazin sagt (Long, 2019).

Gegenmaßnahmen: „the fakir´s rest“ und „Body Configurations Testing Resistance on … “

In dem Film von Gilles Paté und Stéphane Argillet „the fakir´s rest“ (pategilles, 2009, 03:15–05:21) wird sehr deutlich wie sehr sich Metallstacheln, Bänke ohne Sitzfläche und bebaute Eingangsbereiche in die Stadtbilder eingegliedert haben. Außerdem visualisiert der Film den Stress und Lärm den Menschen die auf der Straße leben müssen ausgesetzt sind. Doch bleibt diese Veränderung nicht gänzlich unbemerkt, hin und wieder bildet sich Widerstand und Protest. „Body Configurations Testing Resistance on …“ ist eine Fotoserie in der die Künstlerin Sarah Ross auf das Projekt „Design Out Crime“ in Los Angeles aufmerksam machen will. Die Stadt will mit diesem Projekt durch „ästhetische“ Objekte „Kriminalität“ bekämpfen. Ein weiteres Projekt derselben Künstlerin sind die sogenannten Archisuits. Diese Ganzkörperanzüge ermöglichen das Liegen oder Sitzen auf schrägen Flächen, Bänken mit störenden Armlehnen oder schmalen Vorsprüngen.

„design-crimes“

Der Künstler und Kurator Stuart Semple hat um dem Problem entgegenzuwirken eine Website erstellt auf der er Beispiele für feindseliges Design sammelt und veröffentlicht. Außerdem verkauft er dort Aufkleber mit denen jeder°e selbst auf „designcrimes“ aufmerksam machen kann. Denn wie Semple dem Blog hyperallergic sagt, können nurdurch das Bewusstsein für das Problem Vorurteile abgebaut werden, Stadtplaner°innen und Politiker°innen beeinflusst werden und ein integrativer Raum für alle geschaffen werden (Voon, 2018). Trotz dieser kreativen Lösungsansätze und Protestaktionenbleibt das Problem der sich verbreitendenAnnahme das diese Art von DesignProbleme lösen könnte weiterhin bestehen unddie „anti-homeless-spikes“ und die unbequemenBänke werden immer mehr. Sie werden mehr,weil unsere Gesellschaft nach einem „höher, weiter, schneller“ Prinzip lebt und handelt. Eine geordnete,friedliche und saubere Innenstadt ist ein begründetesZiel, doch können wir dieses nicht mitder Ausgrenzung von Minderheiten aus dem Stadtlebenerreichen, Probleme an andere Orte zuverlagern löst sie nicht.

Weiterentwicklung des „hostile Design“ und die „schräge“ Toilette

Bisher kam die „hostile Design“-Strategie fastausschließlich im öffentlich Raum zum Einsatz.Doch zieht das Erzwingen bestimmter Verhaltensweisendurch die bewusste „Negativ-Gestaltung“ unserer Umgebung und der Produkte mit denen wirinteragieren in die Arbeitswelt ein.
Die Britische Firma StandardToilet hat im Jahr 2019 eine Toilette mit einer 8 bis 13 Grad abgeschrägten Sitzfläche vorgestellt, die laut StandartToilet dem vier Milliarden Pfund (4,5 Milliarden Euro) schweren Verlust der Britischen Wirtschaft durch die erhöhte Nutzung der Toilettenpause für Social Media und privates Texten entgegenwirken soll („Home“, o. J.). Die abgeschrägte Sitzfläche soll neben positiven Gesundheitlichen Effekten auch dafür sorgen, dass nach längerem Verweilen ein unangenehmer Druck auf den Knien spürbar wird, so soll laut Hersteller die auf der Toilette verbrachte Zeit um bis zu 25% reduziert werden können. Die Toilette soll laut dem Geschäftsführer Gill (Needham, 2019) zukünftig nicht nur in Bürogebäuden sondern auch in Zügen, Tankstellen und Restaurants installiert werden.
Nun ist es also soweit das Gestaltung durch Verhaltensbeeinflussung direkt ein kapitalistische System unterstützt, welches die Toilettennutzung der Arbeitnehmer°innen als Optimierungsmöglichkeit und effizienzsteigerungsbedürftig sieht. Anstelle einer Umgebung zu gestalten in der sich die Angestellten wohlfühlen setzen viele Großkonzerne auf negative Reize um Arbeitnehmer°innen zu „motivieren“ und so den Profit des Unternehmens zu maximieren.

Lösung durch Degrowth

In einer Welt in der nicht das Wirtschaftswachstum und die Leistungssteigerung im Mittelpunkt stehen sondern das Wohlergehen aller, die Reduzierung des Konsums und ein Ausbau demokratischer Entscheidungsformen, also in einer Welt in der Degrowth das neue Leitprinzip ist wäre hostile Design Teil der Vergangenheit.
Sobald die Menschheit Konkurrenzgedanken verwirft und auf die Gemeinschaft setzt wird es nicht mehr nötig sein Obdachlose aus unseren Innenstädten zu vertreiben, denn wenn wir das Wohlergehen aller als Priorität begreifen, können wir allen einen Menschenwürdigen Lebensstandard ermöglichen. Wenn wir Drogenabhängige nicht ausgrenzen, sondern als gleichberechtigte Mitmenschen wahrnehmen und Hilfsbedürftigen bedingungslos helfen, brauchen wir keine Bänke zu gestalten auf denen man nicht schlafen kann, sondern können in der Gestaltung auf den wesentlichen Nutzen also das bequeme Sitzen acht geben und in Programme investieren die Wohnungslosen aus der Not helfen. Abhängigen einen Entzug ermöglichen und Orte der Gemeinschaft schaffen. In einer Postwachstumsgesellschaft brauchen wir kein hostile Design, wir dürfen nicht gestalten um zu verhindern sondern um zu ermöglichen.

Quellen

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(2) Cabral, I. A. (2019, August 19). What’s behind the rise in defensive design? Equal Times. Abgerufen von https://www.equaltimes.org

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(4) Hu, W. (2019, November 14). ‘Hostile Architecture’: How Public Spaces Keep the Public Out. https://www.nytimes.com/#publisher. Abgerufen von https://www.nytimes.com

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