Degrow Design

Und was will ich denn eigentlich sagen?

Joy-Fabienne Lösel

Zum sechsten Mal beginne ich nun diesen Text. Einmal wollte ich über die Folgen von Ernährung auf den Klimawandel schreiben, einmal über den CO2 Verbrauch von Suchmaschinen, einmal über die Rolle unseres Schulsystems im Strukturwandel hin zu einer Postwachstumsgesellschaft, einmal über den Egoismus von Autofahrern, einmal von den Folgen des Westlichen Lebensstils auf die Menschen im globalen Süden und einmal über die Politischen Möglichkeiten, Veränderung zu erzwingen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie mir mein Blickwinkel zu klein, mein Wissen zu gering ist, bremse mich und esse eine Banane. Danach schäme ich mich, denn regional ist die sicher nicht gewachsen und da ich gerade meine Eltern besuche und weiß, worauf sie beim Einkaufen achten, besser, worauf nicht, kann ich fair Trade und Bio eigentlich ausschließen. Doch wenn ich mit meinen Gedanken und meinen euphorischen Appellen an ein Umweltbewussteres Leben nicht mal meine Eltern beeinflusse, Menschen die Biologisch darauf programmiert sind, mich und die Dinge die ich mache toll zu finden, wie soll ich dann Menschen überzeugen, denen es schnurz egal ist, was ich so sage. Und was will ich denn eigentlich sagen? Ich kann mich ja nicht mal auf ein Thema festlegen. Außerdem wurde so vieles auch schon gesagt, von Menschen, die es viel besser wissen, als ich. Und während ich noch nach Gedanken und Worten ringe und mich ein bisschen für die Banane schäme fällt mir auf, dass ich ja schon die ganze Zeit Musik streame und um die drei ein halb Stunden Musikstreaming auszugleichen, 19 Bäume pflanzen müsste und nochmal 23 für die Googlesuchanfrage, die mir diese Zahl verraten hat.
Ich wechsle noch schnell zu einer Klimaneutralen Suchmaschine gegen das schlechte Gewissen und denke dann darüber nach, ob CDs kaufen wirklich umweltfreundlicher wäre. Oder ob ich überhaupt Musik hören sollte, wenn ich der Welt nicht schaden will? Ich merke, dass es nicht nur ein „was will ich überhaupt sagen“ ist, denn wüsste ich, was ich machen soll, dann wüsste ich auch, was ich sagen will. Wie schon so oft in den letzten Jahren verstricke ich mich in den Gedanken, ob es überhaupt ein Richtig oder nur ein Falsch gibt. Denn wie man es dreht und wendet, können ich und alle anderen versuchen etwas besser zu machen, aber meine Suchanfragen jetzt in ecosia statt in Google zu tippen rettet den Planeten auch nicht, oder es mit den Worten Professor Michael Braungarts zu sagen: „Das ist nicht klimafreundlich. Ich bin ja nicht kinderfreundlich, wenn ich mein Kind nur zweimal statt fünfmal schlage“. Auch dieses Zitat musste ich Googlen, Entschuldigung, ecosia-en?
Ich denke noch ein bisschen über die Worte Braungarts nach und überlege, ob es nicht das Beste wäre, einfach an Ort und Stelle den Löffel abzugeben, doch erst vor einigen Tagen habe ich einen Artikel über die Belastung von Beerdigungen für die Umwelt gelesen.
Schreibe ich noch kurz ein Klebezettelchen und klebe es mir auf die Stirn „bitte im Garten dekompostieren lassen – der Umwelt zuliebe! (Kleidung bitte vorschriftsmäßig trennen)“

Ich kichere über meine makabre Selbstironie, aber ganz im Ernst, was sollen wir machen? Wir wissen nicht mal, wie wir im Studienalltag mit unseren Fragen umgehen sollen. Was ist das umweltschonenste Herstellungsverfahren, was können wir tun, um als Designer möglichst viel richtig zu machen? Was bedeutet „richtig“? Was ist meine Rolle als Designer in diesem richtig und falsch? Lasst uns gemeinsam antworten auf diese Fragen finden und einfordern. Denn egal ob wir wissen was richtig ist, einfach zu dekompostieren ist das auf jeden Fall nicht.