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Dystopia. – Ein Fragment

Leah Lemmermann

Die Dunkelheit umgibt mich, wie ein dicker Schleier bei Beerdigungen. Ich blinzle durch meine leicht verklebten Wimpern. Und doch bin ich mir sicher, ich muss aufstehen, ich sollte aufstehen. Meine Kleidung schwer und von Schweiß durchtränkt bietet mir beim Aufstehen wieder einen unerbittlichen Kampf. Am liebsten würde ich die ganze Zeit liegen bleiben. „Es ist nicht so, als würde ich etwas verpassen“, höre ich mich zu mir selber sagen. Nichtsdestotrotz schaffe ich es, ein Bein über meine Bettkante zu schieben und mich langsam aber sicher aufzuraffen. Jeden Tag ist es das gleiche Spiel und mit jedem Tag wird es schwerer. Der Raum, wenn man ihn denn so nennen kann, ist gerade so groß, dass mein Bett hineinpasst. Dieses besteht aus einer auf dem Boden liegende Matratze, die hier und da ein paar Löcher und Brandflecken aufweist. Ich bekam sie von meinen Eltern zu meinem Geburtstag und freue mich seither jeden Tag wieder in diesen weichen Traum zu entschwinden und die Realität um mich herum zu vergessen.
Ich gehe hinaus und es steigt mir ein Geruch in die Nase. Es ist eine Mischung aus Erde, Feuchtigkeit, Schimmel - nicht zu vergessen Müll. Die kleine Gasse, welche sich vor mir erstreckt, ist gespickt von dunklen Schatten, welche mal zum einen, mal zum anderen Waste-Berg huschen. Es sind mittelgroße, schwarze Ratten, die fast schon die Größe eines Kleinkindes angenommen haben, aber an dessen Anblick man sich hier bereits gewöhnt hat. Ich kann nicht besonders weit in die Gasse hineinschauen, da es dafür zu dunkel ist, jedoch erkenne ich ein paar menschliche Gestalten, welche am Rand der Gasse kauern und in den Abfällen nach etwas Nützlichem suchen.
Meine Eltern erzählten mir von einer Zeit, in der die Straßen sauber waren und der Müll nicht überall lag. Über die Sonne und die Sterne am Himmel, welche von hier aus nicht zu sehen sind. Von Automobilen und Häusern, die sich in den Himmel erstreckten. Sie selbst haben dieses Leben gar nicht mehr mitbekommen, sondern, genau wie ich, es von ihren Eltern überliefert bekommen. „Das Ganze soll schon über 200 Jahre her sein.“ Ich frage mich, wie sich dieses Leben angefühlt haben muss. Auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass wir unter der Erde leben müssen, bekomme ich immer nur die eine Antwort: „Die Menschen waren selbstsüchtig und rücksichtslos.“ Meine Generation wird im Unwissen gelassen über Vergangenes, da es ja nicht mehr zu ändern sei. Auch ist nur wenig bekannt, was über der Erde passiert und passiert ist. Es gibt das Gerücht, dass es dort so heiß sein soll, dass sich die eigene Haut rot färbt und schmerzt. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.
Ich laufe langsam die Gasse hinunter, immer auf der Hut, dass ich nicht stolpere oder mich jemand aus den dunklen Schatten überfällt. Je näher ich dem Stadtzentrum komme, desto gefährlicher wird es. Meine Eltern verbieten mir, in das Atrium zu gehen. Dennoch verbringe ich dort fast jeden Tag. Ich habe mir nicht vorgenommen, jeden Tag in einem Haufen aus Waste zu graben und auf etwas Wertvolles zu hoffen. Aber die Hoffnung, etwas zu finden und es dann gegen etwas Essbares auf dem Markt eintauschen zu können, ist einfach zu groß. Zu jeder Stunde findet man dort Menschen, welche nach wertvollen Schätzen suchen. Jedoch muss man sehr diskret mit wertvollen Errungenschaften umgehen, da man mit einem zu selbstsicheren Verhalten Aufmerksamkeit auf sich zieht, welche im schlimmsten Fall zum eigenen Tode führen kann.
Ich komme am Atrium an und wollte mich schon auf den Haufen Waste an meine übliche Stelle stürzen, als eine Gestalt auf den Platz rennt und nach Hilfe ruft. Ich kann nicht genau erkennen, um wen es sich handelt, aber die hysterische Stimme kommt mir bekannt vor. Wie es hier üblich ist, ignoriert jeder den Hilferuf, geht weiter seiner Tätigkeit nach und damit der Gestalt den Rücken zu. „Bitte helft mir! Er war auf der anderen Seite und krümmt sich jetzt vor Schmerzen!“ Für einen kurzen Moment sehe ich in weiter Ferne einen undefinierbaren Lichtschein, der meine Augen schmerzen lässt.